Delegierter verlässt UNO-Konferenz
Paschtunen fordern stärkere Rolle im Friedensprozess

Ärger auf der Friedenskonferenz für Afghanistan: Ein Delegierter vom Volk der Paschtunen hat die Gespräche auf dem Petersberg unter Protest verlassen. Hadschi Abdul Kadir beklagte sich nach Informationen von anderen Mitgliedern der Nordallianz-Delegation, dass es zu wenige Paschtunen auf der Konferenz gebe - obwohl die Paschtunen mit 40 bis 60 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe in Afghanistan stellten.

ap KÖNIGSWINTER. Damit ist wohl eingetreten, was der stellvertretende UN-Konferenzleiter Francesc Vendrell am zweiten Tag der Verhandlungen sagte: "Die Stimmung ist sehr positiv. Dies bedeutet nicht, dass es so bleiben wird." Die Nordallianz oder Vereinigte Front, wie sie sich selbst nennt, wird von Afghanen tadschikischer Herkunft dominiert. Sowohl ihr Anführer Burhanuddin Rabbani, der sich nach seinem Sturz durch die Taliban im Jahr 1996 weiterhin als Präsident des Islamischen Staates Afghanistan betrachtet, als auch der Petersberger Delegationsleiter Junus Kanuni sind Tadschiken. Die Vermittler der Vereinten Nationen bemühten sich von Anfang an, die ethnische Brisanz aus dem Friedensprozess herauszunehmen.

"Dies ist eine Konferenz afghanischer Parteien, nicht von ethnischen Gruppen", erklärte UN-Sprecher Ahmad Fausi. Es kommt aber nicht von ungefähr, dass die Spannungen in der Gruppe der Nordallianz auftreten: In der Vereinigten Front haben sich Mudschahedin-Gruppen, die vorher heftig zerstritten waren, zu einem Zweckbündnis gegen die Taliban zusammengeschlossen. Auch die Afghanen usbekischer Abstammung mit ihrem in Masar-i-Scharif gebliebenen Kriegsherrn Raschid Dostum sollen nach Informationen aus Teilnehmerkreisen mit ihrer Vertretung auf dem Petersberg unzufrieden sein.

Kadir habe an den Arbeitssitzungen am Donnerstagabend und Freitagmorgen nicht mehr teilgenommen, sagte ein Sprecher des Nordallianz-Delegierten Mohammad Natiki. Der Sprecher, Bahadori, bemühte sich darum, die Bedeutung dieses Schritts herunterzuspielen und erklärte, Kadir halte sich weiter in Deutschland auf und werde sicherlich zu den Gesprächen zurückkehren. Der Paschtune Kadir ist Gouverneur der Provinz Nangarhar, die wegen ihres Zugangs zum Khyber-Pass nach Pakistan von besonderer Bedeutung ist.

Die von der Nordallianz und unter dem anhaltenden Druck der US-Luftangriffe aus Kabul vertriebenen Taliban gehören ebenfalls mehrheitlich dem Volk der Paschtunen an. Mehrere paschtunische Stammesführer im Süden Afghanistans haben sich aber nach Beginn der US-Luftangriffe vom 7. Oktober gegen die Taliban gewandt. Auf der Konferenz bei Bonn gilt die mit drei Delegierten vertretene "Peshawar-Gruppe" von Afghanen im pakistanischen Exil als Stimme der Paschtunen.

Paschtunische Nationalisten wie der im deutschen Exil lebende Kabir Stori fühlen sich von diesen aber nicht vertreten. Der Vorsitzende der Paschtunischen Sozialdemokratischen Partei (PSDP) bemängelte, dass es auf dem Petersberg keine wirklichen Vertreter des paschtunischen Volks gebe. Die Aussichten für einen Erfolg der Konferenz seien daher eher gering.

Ehrenkodex "Paschtunwali" bestimmt Selbstverständnis

In der Geschichte Afghanistans waren die Paschtunen lange Zeit das dominierende Volk. Nach dem Ende der persischen Besatzungszeit stellten sie mit Ahmad Chan den neuen König. Der Ehrenkodex der Paschtunen, das "Paschtunwali", bestimmt bis heute das Selbstverständnis großer Teile der Paschtunen, die etwa zur Hälfte in Afghanistan und in Pakistan leben. Ehre und Tapferkeit sind die beiden bestimmenden Elemente dieser Werteordnung.

Der Zwist auf dem Petersberg scheint denen Recht zu geben, die die hehren Appelle vom Eröffnungstag der Konferenz als kaum realistisch kritisierten. Da hatte sich noch der paschtunische Stammesführer Sajed Hamed Karsai telefonisch mit den Worten an die Teilnehmer gewandt: "Wir sind eine Nation, eine Kultur. Wir sind vereint, nicht getrennt. Wir alle glauben an den Islam als eine Religion der Toleranz." Aber ohne diese Überzeugung wird das angestrebte Petersberger Abkommen für eine gemeinsame Übergangsregierung kaum ihre Bewährungsprobe in der Realität bestehen.

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