Delhi und Islamabad beharren auf der nuklearen Option: Südasien steckt im atomaren Dilemma

Delhi und Islamabad beharren auf der nuklearen Option
Südasien steckt im atomaren Dilemma

Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan wird heute durch zwei Schlagworte geprägt: Kaschmir und Atomwaffen. Um die zwischen beiden Ländern umstrittene Himalaja-Region wurden bereits zwei Kriege geführt - bislang mit konventionellen Waffen. Folglich war Kaschmir für die internationale Politik weit weg.

HB DÜSSELDORF. Heute löst ein Säbelrasseln in Südasien dagegen weltweit Sorgen aus - die Kontrahenten verfügen über Atomwaffenarsenale. Nicht umsonst probt der britische Premierminister Blair mit Rückendeckung von US-Präsident Bush vor Ort gerade hektisch eine Vermittlungsstrategie.

Als Zäsur gilt allgemein das Jahr 1998, als im Mai zuerst Indien und wenig später Pakistan Hand an die Lunten legten. Ein internationaler Aufschrei war die Folge, wobei dieser vor allem aus jenen Ländern besonders laut zu vernehmen war, die selbst Atomwaffen besitzen. Doch anstatt gemeinsam mit den Auslösern der Empörung einen Weg aus dem nuklearen Abenteuer zu suchen, verhängten unter anderem die USA Sanktionen.

Es war eine von Hilflosigkeit zeugende Reaktion. Denn weder in Islamabad noch in Delhi wurde je ein Hehl daraus gemacht, dass man sich die nukleare Option offen halten wolle. Der einzige Unterschied war: In Indien wurde offen darüber geredet und der Welt schon 1974 mit dem ersten Atomwaffenversuch die entsprechende technologische Fähigkeit demonstriert. In Pakistan wurde geschwiegen und oft genug geleugnet.

Furcht vor China

Die Ursachen für die nukleare Aufrüstung in Südasien sind natürlich im gegenseitigen Misstrauen der Nachbarn sowie - aus der Sicht Delhis - auch in der Furcht vor einer sich häufig aggressiv gebärdenden Volksrepublik China zu suchen. Und man weist darauf hin, dass man nach dem Ende des Kalten Krieges den einst von der Sowjetunion aufgespannten atomaren Schutzschirm verloren habe.

Aber es gibt noch einen anderen Grund: Gerade Indien war der 1970 in Kraft getretene Vertrag zur Nichtverbreitung von Kernwaffen von Anfang an ein Dorn im Auge. Das gemessen an der Bevölkerung zweitgrößte Land auf diesem Globus fühlte sich diskriminiert. Da der Vertrag lediglich den damaligen fünf Atommächten das Recht auf Besitz dieser Waffen einräumte und diese sich dieses Privileg auch noch selbst gewährten, sprach und spricht man in Delhi denn auch von einem Akt der Arroganz. Und wenn man dann noch daran erinnert, dass Indiens erster Ministerpräsident Nehru einst ein glühender Befürworter eines für alle Länder gültigen Sperrvertrages war, musste dies zwangsläufig schmerzen. Folglich wurde, wie auch von Pakistan, die Unterschrift verweigert.

Der aktuelle Konflikt zwischen den beiden nuklear gerüsteten Nachbarn zeigt nun nicht zum ersten Mal, aber umso prägnanter, dass der Sperrvertrag eine Fehlkonstruktion ist. Er hat die Verbreitung dieser Massenvernichtungswaffen nicht nur nicht verhindert, sondern sogar gefördert. Schließlich gibt es noch andere Länder, die sich die indische und pakistanische Argumentation insgeheim zu eigen gemacht haben.

Die Frage muss also lauten, wie heute ein Weg aus dem Dilemma gefunden werden kann. Die Berufung auf die Tatsache, dass der Sperrvertrag 1995 unbefristet verlängert wurde, bietet keinen Ansatz. Es muss ein Regime gefunden werden , das für alle akzeptabel ist. Einen sicheren Ausweg böte ein weltweiter Verzicht auf Atomwaffen. Doch dies bleibt wohl ein Traum.

Sicher, alle Atommächte - auch Indien und Pakistan - haben bekundet, ihre Arsenale würden nur der Abschreckung dienen. Was aber fehlt sind zwei glaubhafte Versicherungen: diese Waffen nie gegen einen Nicht-Atom-Staat einzusetzten und sich auch gegenseitig nicht damit zu bekämpfen. Für Abrüstungsstrategen eine Herausforderung. In diesem Zusammenhang kann es vage Hoffnung verbreiten, dass gerade Indien und Pakistan vertraglich vereinbart haben, zumindest ihre jeweiligen Nuklearinstallationen nicht anzugreifen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%