"Delisting von Penny Stocks"
Experten fordern Streichung von "Billig-Aktien"

Um das angekratzte Image des Neuen Marktes wieder aufzupolieren fordern immer mehr Händler und Analysten eine Streichung von "Billig-Aktien" im Euro-Cent Bereich vom Kurszettel.

Reuters/dpa-afx FRANKFURT. Die Penny Stocks lockten nur noch Spekulanten zum Handeln an und brächten dadurch den gesamten Neuen Markt in Verruf, sagten Aktienexperten der Nachrichtenagentur Reuters. Speziell für Fonds sind ihrer Ansicht nach Unternehmen, deren Aktien weniger als ein Euro wert sind, unattraktiv. Die Deutsche Börse hat die Problematik der Penny Stocks offenbar erkannt. "Ein Delisting von Penny Stocks wird im Moment in einem entsprechenden Gremium diskutiert", sagte Candice Adam von der Deutschen Börse. Am Freitag lag der Aktienkurs von 23 der 343 am Neuen Markt gelisteten Firmen unter einem Euro, 80 Titel schwankten zwischen einem und drei Euro.

Eine bessere Stimmung an den Handelsplätzen könne nur vom Markt kommen, sagte Norbert Empting, Händler bei der Börsenmakler Schnigge AG. Vor allem die Zusammensetzung der Indizes müsse neu diskutiert werden. "Werte, die eine bestimmte Zeit zwischen null und drei Euro notieren, müssen kompromisslos aussortiert werden. Wenn da nichts passiert, ist der Neue Markt auf Jahre hin out", sagte Empting. Er verwies auf entsprechende Regularien der US-Technologiebörse Nasdaq, wonach Aktien, die über einen längeren Zeitraum weniger als ein Dollar wert sind, vom Kurszettel der Nasdaq verschwinden. "Die Billigaktien locken nur noch Spekulanten zum Handeln an und bringen dadurch den gesamten Neuen Markt in Verruf", sagte ein Händler, der nicht namentlich genannt werden wollte.

Penny Stocks seien prinzipiell für Fonds unattraktiv, sagte Michael Fraikin, Fondsmanager bei SEB und Invesco. Sie hätten in der Regel zu oft die Erwartungen der Anleger enttäuscht und seien besonders für langfristige Investments ungeeignet. Außerdem fehle es vielen Werten im niedrigen Kursbereich an der notwendigen Liquidität, sagte ein Frankfurter Händler. Es sei dann sehr schwierig größere Verkäufe auch loszuwerden. Daher sollte auch der Umsatz ein mögliches Kriterium für ein Delisting sein, sagte der Händler. "Aktien ohne Umsatz kann man sich schenken."

Nur noch auf kurzfristigen Gewinn spekuliert

Problematisch ist darüber hinaus nach Händlereinschätzung, dass fast ausschließlich spekulativ orientierte Anleger mit einem Anlagehorizont von wenigen Stunden in den Penny Stocks aktiv seien. Es werde nur noch auf den kurzfristigen Gewinn spekuliert. Dabei gehe es nur darum, im Vorfeld von Meldungen oder bei Gerüchten am Markt möglichst als Erster zu kaufen und wenige Stunden später Gewinn bringend wieder zu verkaufen. "Das ist reine Zockerei", sagte der Aktienhändler. Hier müsse das Regelwerk der Deutschen Börse schnell angepasst werden. "Der Handlungsbedarf ist nicht mehr von der Hand zu weisen."

Zum aktuellen Stand der Beratungen wollte die Deutsche Börse-Sprecherin Adam keine konkreten Angaben machen. Entscheidungen über eine mögliche Änderung oder Verschärfung des Regelwerks seien noch nicht absehbar. Es werden derzeit Kriterien für ein Delisting, also die Streichung einzelner Aktien vom Kurszettel des Neuen Marktes, erörtert, hieß es. Über ein gesondertes Segment für Penny-Stocks werde dagegen nicht beraten. "Es gibt keinen Bedarf für herausfallende Werte", sagte Adam.

Am Freitagvormittag lag der Aktienkurs von 23 der 343 am Neuen Markt gelisteten Firmen unter einem Euro. Das ist etwa jeder fünfzehnte Wert am deutschen Wachstumssegment. Weitere 80 Titel schwankten zwischen einem und drei Euro. Damit tendierte insgesamt fast jede dritte Aktie unter drei Euro. Nur noch 118 Titel kosteten über zehn Euro. Im Blue-Chip-Index Nemax-50 stellte sich die Situation hingegen anders dar. Immerhin 27 Werte und damit mehr als die Hälfte aller Papiere kosteten noch mehr als zehn Euro. Lediglich das Software Fantastic Corp-Unternehmen tendierte unter einem Euro. Weitere sieben Titel kosteten zwischen einem und drei Euro.

Aufgeschlüsselt nach den zehn Sektoren am Neuen Markt zeigte sich, dass neun der 23 Penny Stocks im Internet-Sektor gelistet sind. "Der Internet-Sektor befindet sich in einem Ausleseprozess", sagte Joachim Michler, Internet-Analyst bei Independent Research. Der extrem niedrige Kurs vieler Internet-Werte spiegele die eklatante Nachfrageschwäche in der Branche und die teilweise nicht funktionierenden Geschäftsmodelle wider. Die Situation werde sich in den kommenden Wochen tendenziell weiter verschärfen, hieß es.

Nach Einschätzung von Fondsmanager Fraikin leide der Internet-Sektor vor allem unter ausbleibenden Gewinnen und einer fehlenden Perspektive. "Wir sind hier sehr skeptisch und untergewichten den Sektor in unseren Portfolios."

Aktionärsschützer fordern schärfere Börsenregeln

Angesichts immer neuer Rekordtiefstände am Neuen Markt haben Aktionärsschützer die Deutsche Börse zum Handeln aufgefordert. Es sei "höchste Zeit", dass wirtschaftlich nicht mehr haltbare Titel aus dem Technologiemarkt verschwänden, sagte Reinhild Keitel, Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), am Freitag in Frankfurt am Main. Ähnlich wie bei der US-Technologiebörse Nasdaq müssten Titel, die nur noch einige Cent wert seien, aus dem Handel genommen werden. Die so genannten Pennystocks zerstörten das Vertrauen der Anleger und zögen den Markt immer weiter in die Tiefe.

"Die Deutsche Börse ist nun am Zug", sagte Keitel. Sie forderte eine ähnliche Regelung wie an der Nasdaq, wo Titeln automatisch mit dem Ausschluss vom Handel gedroht wird, wenn sie 30 Tage lang unter einem USD (gut 2,33 DM/1,19 Euro) notieren. Schafft es das Management daraufhin weiter nicht, den Kurs wieder anzuheben, erfolgt der Rauswurf. Derzeit gibt es am 343 Titel umfassenden Neuen Markt mehr als 20 Titel, die weniger als einen Euro wert sind, darunter die in der Insolvenz befindlichen Firmen Teldafax und Infomatec.

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