Dem deutschen Netz kommt eine Sonderrolle zu
EU-Erweiterung forciert den Stromhandel

Europa ist mit der Osterweiterung stärker zusammengewachsen - eine wichtige Voraussetzung für die Erweiterung war nicht zuletzt die Integration einiger osteuropäischer Elektrizitätsnetze in die bislang eher westeuropäisch geprägte Verbundnetzorganisation UCTE (Union für die Koordinierung des Transports elektrischer Energie).

Dieser Prozess begann bereits zum Ende des Kalten Krieges in den späten 80er-Jahren. Die Überwindung der deutschen Teilung brachte auch für die Trennung der nicht synchron verbundenen west- und osteuropäischen Netze ein absehbares Ende. Sie ermöglichte 1995 den Anschluss des Netzes der ehemaligen DDR - bis dahin zum osteuropäischen Verbund "Vereinigte EnergieSysteme" gehörend - und des West-Berliner Inselnetzes an das in die UCTE eingebundene bundesdeutsche Elektrizitätssystem.

Mittlerweile sind mit Slowenien (seit 1987), Polen, der Tschechischen Republik, der Slowakischen Republik und Ungarn (alle seit 2001) die Übertragungsnetze von fünf der zehn neuen EU-Mitglieder fest in das zentraleuropäische Netz der UCTE integriert. Die Netze der EU-Beitrittskandidaten Rumänien und Bulgarien sind außerdem seit 2003 Bestandteil dieses Verbundes. Die elektrische Integration unserer östlichen Nachbarn war und ist entscheidend für die Entwicklung freier Märkte und kann durch gemeinsame Standards wesentlich zur Versorgungssicherheit in der EU beitragen.

Das deutsche Stromnetz spielt in der EU der 25 durch seine zentrale Lage eine strategisch wichtige Rolle und fungiert als technisches und wirtschaftliches Bindeglied zwischen den Netzen in Mittel- und Osteuropa sowie Skandinavien. Über die Höchstspannungsnetze von Vattenfall, E.ON, RWE und EnBW wird bereits heute ein großer Teil des intereuropäischen Stromhandels abgewickelt. Die kürzlich erfolgte und die nächste für 2007 geplante Erweiterung der Union wird den Handel im Sinne eines liberalisierten, verbraucherorientierten EU-Energiemarktes weiter forcieren.

Die strategische Position des deutschen Netzes legt der deutschen Energiepolitik eine besondere Verantwortung auf. Die Politik muss die Rahmenbedingungen für den Betrieb eines Übertragungsnetzes so gestalten, dass der Betreiber sowohl der EU-Forderung nach freiem Handel und Systemsicherheit, als auch den nationalen Verpflichtungen zur vorrangigen Aufnahme und zum Transport von erneuerbaren Energien sowie der Gewährleistung eines diskriminierungsfreien Netzzugangs nachkommen kann.

Diese Voraussetzungen sind in der Bundesrepublik allerdings nur bedingt gegeben. All zu oft werden die Struktur und die Kapazität der Übertragungsnetze überschätzt. Dies macht vor allen Dingen die Anfang April vom Deutschen Bundestag verabschiedete Novelle des Gesetzes zu Erneuerbaren Energien (EEG) deutlich. Anders als die entsprechende EU-Richtlinie schreibt das novellierte Gesetz die vorrangige Einspeisung der erneuerbaren Energien nicht ausdrücklich unter dem Vorbehalt der Sicherheit des nationalen Elektrizitätssystems fest. So können Netzbetreiber beispielsweise auch dann zum Anschluss von zusätzlichen Windparks verpflichtet werden, wenn die eigene Netzkapazität schon erschöpft ist. Hierbei wird der Aspekt vernachlässigt, dass die deutschen Höchstspannungsnetze nicht unter der Voraussetzung des Transports erneuerbarer Energien sowie des freien Stromhandels konzipiert worden sind. Die Missachtung dieser technischen Gegebenheiten erhöht das Risiko von Netzausfällen.

Um allen nationalen und internationalen Interessen Rechnung tragen zu können, müssen deutsche Netzbetreiber also kurz- bis mittelfristig in ihre Netzstruktur investieren. Gerade vor dem Hintergrund der für 2010 neuerdings prognostizierten 28 000 Megawatt installierter Windleistung und dem voraussichtlich weiter steigenden Stromhandel ist ein Netzausbau für die deutsche und europäische Systemsicherheit unverzichtbar.

Deshalb ist es im Sinne aller notwendig, dass in Deutschland gesetzliche Voraussetzungen geschaffen werden, die es den Übertragungsnetzbetreibern erlauben, den Ausbau der Infrastruktur deutlich schneller als bisher voranzutreiben. Nur dann kann auch in Zukunft zur sicheren Stromversorgung aller 450 Millionen EU-Bürger beigetragen werden.

Wolfgang Neldner ist Technischer Geschäftsführer der Vattenfall Europe Transmission GmbH, Berlin

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