Dem System fester Fördermengen droht das Aus
Die Opec steht auf dem Schlauch

Krisenstimmung in der Opec: Wenn sich heute die Ölminister in Wien treffen, werden sie Notfallpläne für einen Irak-Krieg und in die Höhe schießende Ölpreise diskutieren. Doch die bewährten Instrumente zur Kontrolle des Ölpreises funktionieren nicht mehr, weil die Mitgliedstaaten an die Grenzen ihrer Förderkapazitäten stoßen.

DÜSSELDORF. Wenn heute die Türen der Nobelsuiten in den Wiener Grandhotels hinter den edel betuchten Ölministern ins Schloss fallen, kehrt nicht die übliche Routine beim Treffen der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) ein: In den vertraulichen Gesprächen wird wohl kaum darum gepokert, mit welchen Fördermengen die Opec einen für die Welt und das Kartell genehmen Ölpreis sichern kann. Denn die Opec, die für knapp 40 Prozent der weltweiten Ölproduktion sorgt, steckt in einer tiefen Krise. Sie hat den Ölpreis nicht mehr im Griff.

Mehr als eine Versicherung der Mitglieder, im Falle eines Kriegs gegen den Irak alles zu tun, um Versorgungsengpässe zu vermeiden, wird es am Ende nicht geben, schätzen Experten. Dabei hatte das Kartell gerade bewiesen, dass es die Preisentwicklung zum Nutzen aller kontrollieren kann. Mit der vor gut vier Jahren geschaffenen Preisspanne zwischen 22 $ und 28 $ pro Barrel Öl (159 Liter) konnten nicht nur die Opec-Länder und ihre staatlichen Konzerne, sondern auch die privaten internationalen Multis wie Exxon, BP oder Shell gut leben.

"Die Opec hat endlich begriffen, dass sie sich mit künstlich hohen Preisen selbst aus dem Markt katapultiert", sagt Friedemann Müller, Energieexperte bei der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Der Ausfall vom Förderland Venezuela, der strenge Winter in den USA und Europa sowie die Irak-Krise hätten nun aber eine Situation herbeigeführt, in der die Mittel des Kartells nicht mehr greifen. "Für extreme Ereignisse reicht das Instrument der Mengenbegrenzung und der Ausweitung nicht aus", ist Müller überzeugt.

Dabei sind die Weltölmärkte seit Jahren für Störungen anfälliger geworden. Die aus Kostengründen verfolgte "Just-in-time-Bevorratungsstrategie" der Ölindustrie hat dazu geführt, dass der Ölpuffer für überraschende Entwicklungen geschrumpft ist. Das Kartell hat zudem die frei verfügbaren Reserven abgebaut. Klammert man das krisengeschüttelte Venezuela und den Irak aus, erreichen die aktuellen Kapazitätsüberschüsse der Opec-Länder mit 2,0 bis 2,5 Mill. Barrel pro Tag gerade einmal die Hälfte der verfügbaren Reserven vom Anfang der 90er-Jahre, rechnen Experten des renommierten New Yorker Fachblatts Petroleum Intelligence Weekly vor. Schon heute kaufen die Amerikaner angesichts ihrer extrem kleinen Lagerpuffer die internationalen Mineralölmärkte leer, stellt Wilhelm Bonse-Geuking, Chef der BP-Gruppe in Deutschland, fest.

"Wir arbeiten an der Grenze unserer Kapazitäten", sagt zum Beispiel Obaid bin Saif al-Nasseri, Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, bei seiner Ankunft gestern in Wien. Und: Man werde "große Schwierigkeiten" im Falle eines Kriegs im Irak haben, die Versorgung zu sichern. Das Trommeln in den Hotellobbies gehört zwar zum Geschäft, doch egdahinter gärt es gewaltig. In Opec-Kreisen wird bereits darüber diskutiert, die Öl-Förderquoten aufzuheben - also das Instrument, das die schwierige Balance der Staaten untereinander sichert und in den vergangenen Jahren für eine stabile Preisentwicklung gesorgt hat.

Mitglieder wie Algerien und Nigeria rütteln schon seit längerem an dem von Saudi-Arabien dominierten System. Jetzt, da es auch um die Frage geht, ob und wie der Irak, der seit dem Überfall auf Kuwait aus dem Quoten- Regime ausgeschieden ist, nach einem Machtwechsel integriert werden kann, treten die Konflikte zwischen den Partnern wieder stärker hervor. Ihr größter gemeinsamer Nenner ist der Gewinn: Schlägt dem Quoten-System nun die "Stunde null", fürchten Experten, dass es länger dauern wird, bis sich die Mitglieder wieder auf einen neuen Rahmen verständigen - wenn überhaupt.

Die Ölminister stehen bei ihren Verhandlungen nicht nur deswegen vor einer schwierigen Gratwanderung: Die Folgen eines Kriegs im Irak sind kaum kalkulierbar. Auf der einen Seite drohen Lieferausfälle, auf der anderen Seite geht aber der Weltölverbrauch im Frühjahr auf der nördlichen Halbkugel in der Regel zurück, weiß Hans Schiffer, Energieanalyst bei RWE Rheinbraun. Ein schneller Krieg oder gar eine diplomatische Lösung des Konflikts würde dann zu Überschüssen auf dem Ölmarkt führen, die die Preise unter Druck setzen.

Ein stabiler Ölpreis im Rahmen der Opec - Spanne liegt vor allem auch im Interesse der US-Industrie: Fällt der Preis langfristig unter das Niveau von 22 $, schadet das der heimischen Ölwirtschaft, denn sie kann dann nicht mehr wirtschaftlich im eigenen Land fördern - die USA decken gut 45 Prozent ihres Ölbedarfs aus der eigenen Produktion.

Sicher ist eines: "Ein Krieg stellt ein sehr hohes Risiko für die Energiewirtschaft dar", meint SWP-Experte Müller. Nur Saudi-Arabien schafft es heute noch, seine Ölförderung zu erhöhen. Greift der Konflikt auf das labile Land über, droht der Ausfall von rund einem Fünftel des exportierten Golf-Öls, und damit wackelt nach Meinung Müllers nicht nur die Opec: "Dann haben wir eine Wirtschaftskrise, die in ihrer Dimension die nach der Ölkrise von 1973 übersteigt."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%