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Demokratie nicht erwünscht

Sonallah Ibrahim steht etwas abseits unter einem Baum. Der ägyptische Schriftsteller, der in seinen Büchern sarkastisch die Unfreiheit, Stagnation und Bürokratie in Ägypten anprangert, beobachtet, wie sich das neue demokratische Leben im Lande entfaltet.


Sonallah Ibrahim steht etwas abseits unter einem Baum. Der ägyptische Schriftsteller, der in seinen Büchern sarkastisch die Unfreiheit, Stagnation und Bürokratie in Ägypten anprangert, beobachtet, wie sich das neue demokratische Leben im Lande entfaltet. Nachdem die angekündigten Demonstrationen der oppositionellen Kifaya-Bewegung wegen der Polizeiabsperrungen in der Innenstadt Kairos immer wieder an andere Orte verschoben wurden, haben sich einige Duzend Aktivisten in der Nähe des Grabmals des nationalistischen Politikers Zaad Zaghloul zusammengefunden. Aber auch die Sicherheitskräfte sind schon da. Sie schirmen die kleine Gruppe, die gelbe Schilder mit dem Wort Kifaya (Genug) hochhält, hermetisch auf dem Bürgersteig ab. Später hinzukommende Demonstranten, darunter zahlreiche Frauen, werden nicht durchgelassen und in kleinen Gruppen ebenso von den Männern mit Helmen und Schlagstöcken eingekesselt. Es kommt zu Rangeleien, Schlagstöcke werden ei ngesetzt. Doch dann fahren Busse und
Lieferwagen vor und spuken etwa 150 Gegendemonstranten aus. Mit Plakaten, auf denen Ja Mubarak zu lesen ist, besetzen sie die gesamte Straße und bilden so einen zweiten Kessel um die Kifaya-Demonstranten. Kein Polizist behindert sie. Die jungen Männer werden von Anführern angefeuert, ihren Slogan noch lauter hinauszuschreien: Mit unserem Blut, mit unserer Seele, wir opfern uns für Mubarak, grölen die Männer. Die Stimmung ist aufgeheizt, agressiv. Auch Mohammed ist dabei. Er arbeitet an einer Tankstelle in Maadi. Wir sind die ägyptische Jugend, meint er zur Erklärung, warum er hier heute mitmacht. Geld hat er angeblich kein bekommen. Aber Kifaya-Mitglieder gehaupten, dass die Gegendemonstranten mit 20 bis 30 Pfund Bezahlung gelockt werden.

Sonallah Ibrahim ist dennoch zufrieden. Wir haben das Demonstrationsverbot gebrochen, das ist ein großer Erfolg. Das Referendum ist doch eine Frace, meint er. Kifaya und alle Oppositionsparteien sowie die Muslimbrüder boykottieren das Referendum, bei dem an diesem Mittwoch die Ägypter über die Verfassungsänderung abstimmen sollen, die mehrere Präsidentschaftskandidaten zulassen soll. Kritik der Opposition: Die Bedingungen machen es unmöglich, dass unabhängige oder kritische Kandidaten antreten. Sonallah Ibrahim erklärt den Boykott damit, dass es kein politisches Leben geben kann unter dem Ausnahmezustand, ohne Unabhängigkeit der Judikative.

In dem Wahlbüro in der nahegelegenen Khediv-Ismael -Oberschule kommen in der Tat Zweifel am Sinn von Wahlen unter diesen Bedingungen. Gerade werden Angestellte des Gesundheitsministerium in einem Bus vorgefahren. In den Wahlbüros, die bis dahin verlassen dalagen, werden im Zehnerpack die Wahlzettel verteilt, jeder kann zugreifen. Eine Wählerkarte kann nur eine Frau vorweisen. Die anderen legen ihren Personalausweis vor und lassen den jungen Angestellten des Transportministeriums, der die Namen notiert, auch gleich noch das Kreuz auf dem grünen Kreis (Ich stimme zu) machen. Auf die Frage, ob in diesem System nicht jeder Wähler gleich nebenan unter Vorlage des Personalausweises noch einmal wählen könne, zuckt er die Achseln. Die Mühe macht sich doch keiner, meint er. Die Wahlurne, eine Holzkiste mit Hängeschloss, steht einsam vor einer Schulbank. Wahlbeobachter gibt es weit und breit nicht.


Draußen steigen Gegendemonstranten auf die Dächer der Autos, dies sie von den Kifaya-Aktivisten trennen. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Von einer Polarisierung der Gesellschaft will Sonallah Ibrahim dennoch nicht sprechen: Das ist doch nicht die Bevölkerung, meint er verächtlich mit Blick auf die organisierten Regimeverteidiger. Die demonstriert allerdings auch nicht massenhaft mit Kifaya. Die Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung wird wohl eher von den Passanten repräsentiert, die in weitem Abstand unschlüssig um das Spektakel herum stehen und zuschauen.


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