Demonstrationen und Streiks stürzen Frankreich ins Verkehrschaos
Französische Rentenkürzungspläne stoßen auf heftigen Widerstand

ap PARIS. Aus Protest gegen Rentenkürzungspläne der Arbeitgeber haben am Donnerstag mehr als 100 000 Demonstranten in Frankreich mobil gemacht und zahlreiche Städte in ein Verkehrschaos gestürzt. Streikende legten den Nahverkehr lahm, Air France musste zahlreiche Inlandsflüge streichen. Auch bei der Bahn verursachte der landesweite Aktionstag Behinderungen. Die fünf größten Gewerkschaften des Landes kämpfen in seltener Eintracht für den Erhalt der Rente mit 60 ohne finanzielle Einbußen.

In Großstädten wie Lyon, Toulouse, Marseille, Montpellier oder Lille fuhren weder Busse noch Bahnen. In rund 70 Städten riefen die Gewerkschaften zu Demonstrationen auf, allein 20 000 Beschäftigte und Rentner versammelten sich nach Polizeiangaben in Marseille. Im von Streiks im Nahverkehr weitgehend verschonten Paris zogen Tausende zum Sitz des Arbeitgeberverbandes Medef. Auch Rundfunksender wurden bestreikt.

Die Beschäftigten der Privatwirtschaft wurden landesweit von Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes unterstützt, deren Gehaltsverhandlungen vor kurzem gescheitert waren. Die Parteien der Linksregierung von Premierminister Lionel Jospin befürworteten ebenfalls den Aktionstag. Der Chef der Gewerkschaft CGT, Bernard Thibault, sagte dem Radio Europe-1, die hohe Mobilisierung sei ein klares Signal, der Erpressung des Arbeitgeberverbandes nicht nachzugeben.

Milliardendefizit in Rentenkasse vorausgesagt

Der Medef droht mit dem Rückzug aus einer in Frankreich obligatorischen Zusatzversicherung. Diese Ergänzung der Grundrente wird von den Sozialpartnern selbstverwaltet und ermöglicht es den Beschäftigten, bei vollen Rentenbezügen mit 60 Jahren in den Ruhestand zu gehen. Die Verhandlungen über eine Verlängerung dieser Regelung stecken seit Dezember in der Sackgasse. Der Medef will die Dauer der Rentenbeitragszeiten verlängern.

Hintergrund der Initiative von Medef-Präsident Ernest-Antoine Seilliere ist die demographische Entwicklung in Frankreich, die 2005 das Geld für die Altersversorgung knapp werden lässt. Vor zwei Jahren empfahl ein Expertenbericht der Regierung die Überprüfung der Vorruhestandsregelungen und warnte vor einem jährlichen Defizit von 400 Milliarden Franc (120 Milliarden Mark/61 Milliarden Euro) in der Rentenkasse.

Die Reform des Rentensystems ist ein heikles Thema in Frankreich, seit im Winter 1995 wochenlang die Beschäftigten bei Bus und Bahn gegen die Pläne des damaligen Premierministers Alain Juppe streikten und das Land an den Rand des Kollaps brachten.

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