Demonstrationen werden zunehmend durch bewaffnete Angriffe ersetzt
Experten befürchten palästinensischen Guerilla-Krieg

dpa TEL AVIV. Die seit sieben Wochen andauernde Gewalt in den Palästinenser-Gebieten hat mit den bewaffneten Überfällen auf Israelis im Westjordanland und im Gazastreifen, bei denen am Montag vier Israelis getötet wurden, eine neue Dimension erreicht. Die Anzeichen mehren sich, dass radikale Palästinenser die neue "Intifada" (Aufstand), die mit dem Besuch des israelischen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Tempelberg begann, wo die Al-Aksa-Moschee steht, durch einen Guerilla-Krieg ersetzen wollen.

So soll offenbar Israel durch Waffengewalt kleiner, schlagkräftiger Kommandos aus den besetzten Gebieten verdrängt werden. Ihr Vorbild ist die libanesische Hisbollah-Miliz, die mit schmerzhaften Nadelstichen die übermächtige israelische Armee in diesem Sommer aus Süd-Libanon vertrieb.

"Wir stehen vor einer langen Periode mit Guerilla-Operationen, die sich sowohl gegen zivile, als auch militärische Ziele im Westjordanland und im Gazastreifen richten", meint Gal Luft, Mitarbeiter des renommierten Instituts für Nahost-Politik in Washington. "Dies ist der einzige Weg, wie Jassir Arafat die Gewalt auf lange Sicht aufrecht erhalten kann." Die Aktionen der mit automatischen Waffen ausgerüsteten kleinen Gruppen seien "leicht zu organisieren und kaum zu kontrollieren"

Die Ereignisse der vergangenen Wochen scheinen die Warnung des Experten zu bestätigen. Während die gewalttätigen Demonstrationen gegen die israelischen Truppen am Rande palästinensischer Städte und im Gazastreifen an Intensität verloren, ist die Zahl der Angriffe bewaffneter Gruppen ständig gestiegen. Täglich nehmen sie die jüdische Siedlung Gilo am Südrand Jerusalems unter Beschuss. Bewaffnete Mitglieder der Fatah-Organisation von Palästinenserpräsident Arafat beschießen fast jeden Tag das verhasste jüdische Viertel im Herzen von Hebron.

Schüsse aus dem Hinterhalt und Bomben am Straßenrand zwangen die israelische Armee sogar, die Bewohner jüdischer Siedlungen im Gazastreifen mit Hubschraubern auszufliegen. Zwar antwortete die Armee auf die Attacken mit schweren Geschützen und tötete mit Raketen aus einem Kampfhubschrauber einen Fatah-Kommandanten. Doch konnten sie die Gewalt dadurch bisher nicht kontrollieren.

Nach Informationen israelischer Geheimdienste haben inzwischen Milizionäre der bisher gemäßigten Fatah unter Führung des militanten Marwan Barguti mit Gruppen der radikalen Hamas-Organisation und der extremen "Dschihad" begonnen, ihre Aktionen gegen Israel zu koordinieren. Auch palästinensische Polizisten sollen sich an den Angriffen beteiligt haben. Waffen und Munition gibt es inzwischen in den Palästinensergebieten mehr als genug. Offiziell durfte die Autonomie-Behörde nach dem Abkommen von Oslo automatische Waffen für 12 000 Polizisten besitzen. Dieses Kontingent sei inzwischen auf bis zu 70 000 Waffen angewachsen, schätzen israelische Militärs.

Immer neue Gruppen haben in den vergangenen zwei Wochen die Verantwortung für tödliche Anschläge auf Israelis übernommen. Zuletzt erklärten sich am Montagabend die bisher unbekannten "Saladin Bataillone" für den Überfall im Westjordanland verantwortlich, bei dem drei Israelis erschossen wurden. Ob diese Gruppen wirklich existieren, ist nicht bekannt.

Arafat hat bisher - trotz insgesamt vier vereinbarter Waffenruhen - nicht auf die Aktionen der bewaffneten Gruppen reagiert. Inzwischen gehen auch israelische Militärs und Regierungsvertreter davon aus, dass der Palästinenserführer die anhaltende Gewalt mit einer wachsenden Zahl von Opfern kaum mehr vollständig aufhalten kann. "Arafat könnte die Fatah zwar stoppen", glaubt ein palästinensischer Journalist, der selbst einmal dieser Organisation angehörte, "aber das könnte gefährlich für ihn werden." Er fügt hinzu: "Arafat schwimmt mit der Gewalt wie auf einer Welle im Ozean. Würde er sie aufhalten, könnte er ertrinken."

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