Demütigung für Moskau
West-Hightech soll die Toten bergen

dpa MOSKAU/OSLO. Auch als Norwegens Militärführung am Montag offiziell das Ende der westlichen Rettungsaktion am Wrack des Atom-U- Boots «Kursk» verkündete, blieb die einstige Weltmacht Russland in der Rolle des hilflosen Bittstellers. Man werde auf Anfrage russischer Militärs noch mit ferngesteuerten Minikameras Videoaufnahmen aus dem Inneren des Bootes machen, diese Moskau zur Verfügung stellen, und dann die eigene Spezialausrüstung wieder zusammenpacken, verkündete Admiral Einar Skorgen. Er sprach ein bisschen im Ton eines reichen und gegenüber dem verarmten Vetter milde gestimmten Verwandten aus seiner Einsatzzentrale Bodö, gut 1 000 Kilometer Seeweg vom Unglücksort in der Barentssee entfernt.

Und es kam noch dicker. Kurz nach Einstellung der ohnehin von Beginn an fast hoffnungslosen Rettungsaktion bat Russlands Regierung das kleine NATO-Land Norwegen sogar, für die Bergung von toten Marinesoldaten aus ihrem stählernen Grab in 108 Meter Tiefe zu sorgen. Nie zuvor seit Ende des Kalten Krieges war wohl für Militärs beider Seiten selbst, aber vor allem auch für die Öffentlichkeit in Russland so augenfällig geworden, welche Welten zwischen der einstigen Weltmacht im Osten und den einstigen Gegnern im Westen inzwischen liegen.

Russische Militärs waren von westlicher Technik begeistert

Auf ganz praktischer Ebene waren diese Welten seit Samstag zusammengeprallt, als die viel zu spät zur Rettung herbeigerufenen Spezialisten aus Norwegen und Großbritannien mit ihrer hochmodernen Hightech-Ausrüstung endlich am Unglücksort angekommen waren. Erst waren die Besatzungen der Spezialschiffe «Normand Pioneer» mit dem britischen Rettungs-U-Boot «LR5» und der «Seaway Eagle» mit den Tauchern fassungslos, weil sie noch mal einen halben Tag sinnlos warten mussten. Der Grund: Die russischen Schiffe hatten die Positionen über dem Wrack noch nicht freigemacht.

Als dann endlich mit dem Taucheinsatz begonnen werden konnte, verlagerte sich die Fassungslosigkeit auf die russischen Techniker. Sie konnten ihren westlichen Kollegen auf der «Seaway Eagle» über die Schulter schauen. Militärs äußerten sich schon begeistert, dass die «Seaway Eagle» mit Hilfe ihres GPS-Systems (Global Positioning System) und verschiedenen Strahlrudern ihre Position an der Oberfläche exakt halten kann. Russische Schiffe seien bei ihrem Einsatz immer wieder durch die Strömung hin und her getrieben worden, äußerten sie freimütig im Staatssender RTR und fassten zusammen: «Wir können sowas nicht.» Auch russische Zuschauer sahen am Fernseher mit an, wie in der Werkstatt des Schiffs bei Bedarf schnell notwendige Instrumente hergestellt und auf den Meeresgrund heruntergelassen wurden.

Anders die Wirklichkeit im heutigen Russland: Die Nordflotte verfüge überhaupt nur noch über zwei Tieftaucher, und die hätten keine Ausrüstung, berichtete der inzwischen berühmt gewordene RTR- Reporter Arkadi Mamontow live aus der Barentssee. Immer wieder wurde auch berichtet, dass die eigenen Rettungskapseln verschlissene Akkus haben und deswegen nur wenige Stunden unter Wasser bleiben können, bevor sie zum Aufladen der Batterien gehoben werden müssen.

Westen kritsiert russischen Bürolkratismus



Von westlicher Seite allerdings wurden weniger technische Mängel bei den Russen als bürokratische Entscheidungsprozesse bemängelt. Offizielle Statements der Norweger und Briten waren zwar deutlich von dem Bemühen geprägt, Mängel beim Partner nicht herauszustellen und die eigene Überlegenheit herunterzuspielen. Als am Montag aber ein langes Hin und Her über die Strategie an der hinteren Ausstiegsluke kein Ende nehmen wollte, nahm dann der norwegische Admiral doch noch das Blatt vom sonst so höflichen Mund. Auf russischer Seite gebe es doch sehr langsame und bürokratische Entscheidungsprozesse, meinte Einsatzchef Skorgen und fügte hinzu: «Es sind nicht immer Experten, die sich daran beteiligen.»

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