Den Haag bringt mit Projekten in Indien, Ungarn oder Bolivien schon Schwung in den Rechtehandel: Die Niederlande starten im Ausland

Den Haag bringt mit Projekten in Indien, Ungarn oder Bolivien schon Schwung in den Rechtehandel
Die Niederlande starten im Ausland

Die Niederlande sind auf den Zukauf von Emissionsrechten angewiesen. Wirtschaft und Regierung haben bereits erste CO2-Projekte in Mittel- und Osteuropa sowie in einigen Entwicklungsländern gestartet.

DÜSSELDORF. In Deutschland herrscht häufig noch Skepsis vor - in anderen Ländern ist der Emissionshandel längst an der Tagesordnung. Bereits seit 1995 ist er in den USA Teil eines Programms gegen den sauren Regen, das die Schwefeldioxidemissionen halbieren soll. Fast 2  300 Kohlekraftwerke beteiligen sich. In Großbritannien nehmen 34 Konzerne freiwillig an einem CO2-Emissionshandel teil und senken so ihre Klimasteuer um 80 Prozent. Dänen, Franzosen und Norweger testen den Emissionshandel. Die Niederländer schließen bereits Verträge zum Kauf von CO2-Emissionsrechten.

Den Haag gehört beim Klimaschutz allerdings nicht ganz freiwillig zu den Vorreitern. Denn trotz starker Effizienzsteigerungen der Industrie können die Niederlande die Kyoto-Verpflichtung, den CO2-Ausstoß bis 2008/2012 um 6 Prozent gegenüber 1990 zu drücken, nicht aus eigener Kraft erreichen. Weitere Emissionsverringerungen im Inland wären sehr teuer, und der stark wachsende Verkehr macht einen Strich durch die Rechnung. "Die Niederlande sind Nettokäufer von Emissionsrechten", folgert Daan Dijk, Manager Umweltmärkte der Rabobank.

Den Haag hat daher ein Programm lanciert, das zu geringen Kosten hohe Schadstoffreduktionen in anderen Ländern ermöglicht, die den Niederlanden angerechnet werden. Das soll auch dem Aufbau des internationalen Emissionshandels dienen. Die Regierung stellte vor zwei Jahren 500 Mill.Euro bereit, um im Ausland Rechte für 100 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß zu erwerben, die Hälfte der erforderlichen CO2-Senkung.

Basierend auf Tests Mitte der 90er-Jahre in Osteuropa organisiert die zum Wirtschaftsministerium gehörende Agentur Senter seit 2001 alljährlich eine Ausschreibung - solange, bis die nötigen Zertifikate gekauft sind. Der Staat beteiligt sich je nach Menge der CO2-Senkung zu 10 bis 90 Prozent an der Finanzierung von Klimaprojekten von Unternehmen in Osteuropa (Joint Implementation - JI) und Entwicklungsländern (Clean Development Mechanism - CDM). Das teilweise in Kooperation mit der Rabobank realisierte Programm namens Carboncredits.nl steht Firmen der ganzen Welt offen.

In den vergangenen zwei Jahren erwarb Den Haag 8,3 Mill. t an CO2-Emissionsrechten für 52 Mill. Euro durch JI-Projekte und im Rahmen von CDM-Projekten 16,5 Mill. t für 78 Mill. Euro. Die Auswahl der Unternehmen ist streng. Vergangenes Jahr boten Unternehmen 107 Projekte mit einer Emissionsminderung von 120  Mill.  t CO2 an. Mehr als nötig, um die Vertragspflichten zu erfüllen. Doch die Projekte müssen viele komplexe Kyoto-Kriterien erfüllen und werden von Nichtregierungsorganisationen auf ökologische und soziale Verträglichkeit geprüft. Ein umstrittenes Wasserkraftprojekt in Uganda wurde abgelehnt.

Zudem werden die Unternehmen genau geprüft: "Sie müssen kapitalkräftig genug sein, damit wir uns darauf verlassen können, dass die CO2-Reduktionen ab 2008 auch wirklich stattfinden und international anerkannt werden", sagt Thijs Scheres von Senter. Im Oktober war nur noch ein Drittel der Projekte im Rennen. Eine unabhängige Expertengruppe prüfte die Auswahl, bevor Umwelt- und Wirtschaftsministerium die Entscheidung fällten.

Sie bestimmten im Dezember vier JI-Projekte mit einer Emissionsminderung von fünf Mill. t CO2 und im März 19 CDM-Projekte mit 16,5 Mill. t CO2 Emissionsminderung. In Rumänien wird die Energieeffizienz einer Zementfabrik und eines Wasserkraftwerks gesteigert und in Ungarn ein Kohlekraftwerk auf Biomasse umgerüstet. In Indien, Panama, Brasilien, Jamaika, Bolivien, El Salvador, China, Indonesien und Costa Rica werden beispielsweise Windturbinen, Erdwärmeanlagen oder Biomassekraftwerke gebaut.

Sind die Kriterien erfüllt, entscheidet der Preis. "Wir wollen so viel Rechte wie möglich zu möglichst geringen Preisen erwerben", erläutert Scheres. Daher können die Ministerien die teuersten 10 Prozent der auserkorenen Projekte ablehnen. "Das kurbelt die Konkurrenz an." Wenn der Emissionshandel international etabliert sei und die Zeit dränge, seien für dieselben Emissionsmengen wesentlich höhere Beträge zu zahlen, begründet Den Haag das rasches Vorgehen.

"Die Preise können sich bis 2008 verdoppeln oder je nach Qualität der Zertifikate vervierfachen", sagt Dijk von der Rabobank. Bereits jetzt bemerke er einen Preisanstieg. Dijk erwartet, dass das Marktvolumen von 1 Mrd. Euro bis 2008 auf 50 Mrd. Euro wächst. Andere Experten rechnen gar mit 100 Mrd. Euro.

Mit den Transaktionen geht Den Haag jedoch Risiken ein. Denn rechtskräftig werden sie erst, wenn sie von einer noch zu errichtenden internationalen Aufsichtsbehörde genehmigt sind. Dazu muss aber erst der Kyoto-Vertrag in Kraft treten. Überdies rechnet das Umweltministerium damit, dass ein Zehntel bis ein Viertel der Projekte möglicherweise nicht realisiert werden, weil Baugenehmigungen ausbleiben oder die lokalen Gemeinden ihren Finanzbeitrag nicht leisten.

Doch die niederländische Regierung bekommt für den staatlich geförderten Emissionshandel Lob aus Berlin. "Es ist ein wunderbares Programm", sagt CDM-Experte Thomas Forth vom Umweltministerium. "Es hilft, den Marktpreis zu bilden, dient dem Umweltschutz und wirkt ausgleichend auf die Wirtschaftsstruktur." Zwar wird Deutschland eher Nettoverkäufer von Emissionsrechten sein - deshalb ist der Handlungsdruck nicht so groß. Trotzdem gibt es in Berlin Überlegungen, den Rechtehandel voranzubringen: In Zusammenarbeit mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau und der Privatwirtschaft will die Regierung einen entsprechenden Fonds mit staatlicher Minderheitsbeteiligung schaffen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%