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Den Star, den keiner kennt

Amancio Ortega wirkt immer etwas schwerfällig. Das mag an seinem großen Bauch, seinen schweren Oberarmen und seiner relativ kleinen Statur liegen, vielleicht auch an seinem leicht gebückten Gang.

Amancio Ortega wirkt immer etwas schwerfällig. Das mag an seinem großen Bauch, seinen schweren Oberarmen und seiner relativ kleinen Statur liegen, vielleicht auch an seinem leicht gebückten Gang. Der 69jährige Gründer von Zara, einer der erfolgreichsten Modeketten der Welt, hat äußerst wenig mit einem Modeguru gemein. Der Spanier ist blass, hat ein Durchschnittsgesicht, trägt am liebsten einfache Jeans und Hemd, hat keine Starallüren. Unter anderem diese Tatsache verschafft ihm regelmäßig auf der von der Madrider Universität Complutense veröffentlichten Liste der vertrauenswürdigsten Persönlichkeiten des Landes den ersten Platz. Auch wenn Ortegas Weg nach oben mit Größen wie Bill Gates oder Rockefeller zu vergleichen ist und er darauf eigentlich stolz sein könnte, hat er wenig von einem Selfmade-Milliardär. Er stampfte zwar aus dem Nichts Zara und später Inditex, den drittgrößten Textilhersteller der Welt, aber er ist für viele immer noch derselbe der vor mehr als vierzig Jahren im He mdladen Gala in A Coruña in Galizien als Verkäufer begann. Schnell wollte er sein eigener Chef sein. 1963 gründete er schließlich eine eigene Kleiderfabrik, Goa Confecciones, die unter anderem für das spanische Kaufhaus El Corte Inglés produzierte. Ortega brauchte dafür kein Studium an einer Universität oder einen MBA. Ich merkte einfach, dass das, was wir nähten, nicht mit dem übereinstimmte, was die Menschen auf der Strasse wollten, sagt Ortega im Rückblick. Er entschied sich deswegen, von nun an, nur noch für sich selbst zu produzieren.

Seine Idee: Schnell Tendenzen von der Strasse aufgreifen, sie umsetzen, produzieren und in den Laden bringen. 1975 macht er das erste Zara-Geschäft ganz in der Nähe von Gala auf, ab Ende der 80er Jahre werden Zara-Geschäfte rund um den Globus eröffnet. Wie er auf den Namen Zara kommt? "Das war Zufall. Ich wollte eigentlich Zorba registrieren, aber das gab es schon, da habe ich mich spontan für Zara entschieden." Inzwischen kommt die Modekette auf 750 Shops, 33 davon in Deutschland. Allein in diesem Jahr sollen 120 neue Läden eröffnet werden, 12 davon in Deutschland. Beim Besuch seines Konzerns Inditex in der galizischen Kleinstadt Arteixo, wo inzwischen außer Zara sieben weitere Formate gemanagt werden, darunter die Hauswarenkette Zara Home und das Unterwäschenlable Oysho, lässt der Chairman lieber andere für sich sprechen. Er selber schleicht durch die großzügigen weiß getünchten und lichtdurchfluteten Gänge des 30 000 Quadratmeter großen Designgebäudes als wäre er nur einer der dort a ngesiedelten 800 Mitarbeitern und nicht der Eigentümer des nach Gap und H & M drittgrößten Modeunternehmens der Welt.

In 2004 nahm Inditex 5,7 Milliarden Euro ein und ist damit kurz davor, die H & M zu überholen. Auch wenn die bescheidene von Ortega geprägte Firmenphilosophie solche Errungenschaften oder Ziele nicht öffentlich ausspricht. H & M ist ein exzellentes Unternehmen. Wir sind noch weit entfernt, sagt deswegen CFO Borja de la Cierva, der Ortega als sehr normal und äußerst zugänglich beschreibt. Er sei ein Mann der nur für seinen Konzern lebe, sonst keine Hobbys oder Leidenschaften habe. Zara stehe er nach wie vor am nächsten. Er spiele kein Golf und gehe auch nicht zu Jagd, wie es für Männer seines Ranges und seiner Gehaltsklasse in Spanien üblich ist. Erst kürzlich kaufe er sich eine Yacht.

Als größten Luxus empfinde Ortega immer noch, dass er weitgehend unbekannt ist in Spanien, heißt es bei seiner nach ihm benannten seit 2001 operierenden Stiftung, die ebenfalls in der Konzernzentrale angesiedelt ist. Dass dieses bescheidene Bild des Chefs nicht nur Heuchelei der Mitarbeiter ist, sondern weitgehend der Realität entspricht, zeigt die Tatsache, dass der 59prozentige Anteileigner von Inditex statt mittags in feinen Restaurants zu essen, seine laute Firmenkantine vorzieht. Dort sitzt der 69jährige mit der kurzgeschnittenen Halbglatze in hellblauer Jeans und hochgekrempeltem weißen Hemd im Gewühl von sehr jungen Menschen. An Ortegas Tisch sitzen Designer und Führungskräfte, mitten im Ambiente einer Universitätsmensa.

Anders als viele Firmenchefs hat der dreifache Vater in der Zentrale nur ein kleines Büro. Die meiste Zeit hält er sich in der Designabteilung von Zara auf. Böse Zungen behaupten, weil er gerne Frauen mag und die meisten Kreativen weiblich seien. Diego Copado, sein Sprecher, rückt das Bild zurecht: Er mag Frauen, aber er ist auch sehr gut erzogen. Er habe dort einen Schreibtisch, weil er aus der Sicht der Kunden, die er immer wieder auf den Strassen und in den Geschäften beobachtet, beurteilen will, ob die Kollektionen auch den aktuellen Trends entsprechen, ob sie sich verkaufen lassen.

Er ist durch und durch Verkäufer, sagt de la Cierva. Im Zentrum seiner Philosophie stünden deswegen die Läden. Sie funktionierten als Trendscouts, sind Einkäufer und die einzige Werbeplattform für Inditex. Die großen modern eingerichteten Läden sind an den besten Stellen der Stadt angesiedelt, werden von eigenen Architekten eingerichtet. Läuft ein Produkt besonders gut oder kommen viele Kunden mit brauen Stiefeln in den Shop, informiert der Shop- Manager die Zentrale in Arteixo. Jeden Abend bestellt er die Ware für die nächsten Tage. Zweimal in der Woche kommen neue Stücke aus der Kollektion, was den Durchlauf im Geschäft enorm ankurbelt. Ein System, was Copado, der neben CEO und Vizepräsident José María Castellano wohl einer der wichtigsten Personen bei Inditex ist, von Anfang an fasziniert hat und ihn trotz aller Startschwierigkeiten motiviert hat, weiter zu machen: Als ich hier in 1998 angefangen habe, gab es noch nicht einmal eine Kommunikationsabteilung. Die Arbeit mit dem Chef, den kei ner kennt und der nur wenige Menschen kennen lernen will, war für den ehemaligen Unternehmensberater, der mit seiner selbstbewussten und quirligen Art die Kommunikationsdefizite seines Chefs kompensiert, nicht einfach: Ich war hier so etwas wie ein Psychologe, musste Ortegas Denke verinnerlichen und lernen, zu akzeptieren, dass Imagearbeit bei Inditex ganz anders sein würde als ich es gewohnt war. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass es bis heute keine Marketingabteilung gibt. Ortegas Prinzip ist, in allen Abteilungen absatzorientiert zu denken.

Von Eigenwerbung hält er grundsätzlich gar nichts. Die Dinge sollen für sich stehen. Das spart viel Geld und ist ein Grund, warum die Zara-Kette, die 65 Porzent des Umsatzes ausmacht, so rentable ist. Der Gründer hat das Unternehmen nach seinem Charakter geformt. Selbst wenn es für den guten Zweck ist, will Ortega nicht mit seinem Gesicht herhalten. Seine nach ihm benannte Stiftung muss deswegen ebenfalls ohne seine öffentlichen Auftritte auskommen und ohne ein einziges Photo.

Er will nicht, dass die Leute über ihn reden, auch nicht n Büchern. Für die Biografie Amancio Ortega: Von Null auf Zara brauchten die spanischen Journalisten Xabier Blanco und Jesús Salgado deswegen rund 1,5 Jahre: Er selber wollte sich nicht äußern und jeder Freund musste für jeden Kommentar über seine Person bei Ortega erst einmal eine Autorisierung einholen. Auch in dem immer noch geöffneten, leicht angestaubten Hemdengeschäft Gala in der Calle Notariado in der galizischen Hafenstadt A Coruña, wo er seine Karriere als Verkäufer begann, redet man ungern über die alten Zeiten. Ja, Ortega habe dort gearbeitet, aber wer sind sie überhaupt, mich hier so auszufragen?. Dasa Gleiche im modernen am Meer gelegenen Geschäftsclub Club Financiero Atlantico in A Coruña, wo der Inditex-Chef jeden morgen frühstückt. Schon die Frage an einen Kellner, ob Herr Ortega diesen Ort regelmäßig aufsuche, ist zuviel. Er petzt bei der Empfangsdame, die das fragende Nichtmitglied höflich zum Ausgang begleitet : Verstehen Sie, wir wollen nicht, dass Herr Ortega belästigt wird. Das ist ein Privatclub, sie dürfen hier eigentlich nicht sein. Es scheint, dass ganz Galizien, den Mann, der soviel für die Region getan hat, und seine Manie, Privatmann bleiben zu wollen, verinnerlicht hat.

Als Inditex 1999, zwei Jahre vor dem Börsengang seinen ersten Jahresbericht veröffentlichte, überzeugte Copado Ortega, dass es für die Aktionäre an der Zeit wäre, mal das Gesicht des Präsidenten kennen zulernen. Bis dato gab es kein veröffentlichtes Photo von ihm. Ortega gab nach, sagt aber gleich: Ich werde nicht auf Pressekonferenzen oder Aktionärsversammlungen erscheinen, auch nach dem Börsengang nicht. Inzwischen wächst der Konzern durch eine bis zur Perfektion ausgeführte Just-in-Time Produktion und Lieferung stärker als alle Wettbewerber, 45 000 Menschen arbeiten derzeit rund um den Erdball für Inditex.

Tatsächlich hat sich dennoch trotz der Größe und des Börsengangs des Konzerns nicht viel geändert für den Textilguru. Nur auf seinem Bankkonto sieht es jetzt noch besser aus. Der schwergewichtige Galizier ist inzwischen der reichste Mann Spaniens. Die Aktie wurde mit rund 15 Euro gezeichnet und notiert derzeit bei rund 23 Euro. In 2004 nahm er alleine mit den Dividenden seiner zahlreichen Beteilungen 137 Millionen Euro ein. Doch noch immer weigert er sich, bei Firmenveranstaltungen, auch wenn die Aktionäre vielleicht ein Recht darauf hätten, aufzukreuzen oder zumindest per Videokonferenz ein Grußwort an die Teilhaber zu richten. Das alles muss sein zweiter Mann José María Castellano machen, der seit der seit 19 Jahren CEO bei Inditex ist und entscheidend für die Internationalisierung des Konzerns verantwortlich ist. Aber der Wirtschaftsprofessor macht den Eindruck, als quälten ihn die vielen Interviews und öffentlichen Auftritte. Er ist auch kein großer Redenschwinger. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum er sich demnächst aus dem operativen Geschäft zurückziehen wird und noch in diesem Jahr ein Neuer seinen Posten als CEO übernehmen wird. Irgendwann wird er dann wohl Präsident werden, sagt de la Cierva. Ortegas drei Kinder aus erster und zweiter Ehe wollen oder können das Geschäft mit der schnelllebigen Mode nicht übernehmen. Ein Sohn ist geistig zurückgeblieben, seine ältere Tochter aus erster Ehe arbeitet in der Wohltätigkeitsstiftung seiner Exfrau Rosalía Mera mit und seine Jüngste aus zweiter Ehe ist mit 19 Jahren noch nicht reif für Inditex, sagt Copado. Bisher zeige sie auch mehr Interesse für Pferde als für Mode, weswegen Papi ihr in Arteixo eine eigene sehr weitläufige und für die Öffentlichkeit nicht einzusehende Pferderennbahn gebaut hat - eine seiner wenigen Luxusobjekte. In A Coruña wohnt Ortega in der Altstadt direkt am Meer, zwischen vielen anderen Galiziern.

Der Mann mit den kräftigen Armen bekommt von den Menschen Diskretion, dafür gibt er ihnen Arbeit und Ausbildung. Auch wenn die Gehälter bei Inditex nicht die besten sind, die Jobs sind sicher. 30 Prozent seiner Näh-Produktion befindet sich in der wirtschaftlich immer noch sehr unterentwickelten Region und das soll sich auch in Zukunft nicht ändern, auch wenn alle Wettbewerber auf den Einkauf von Ware in Asien setzen. Seine Stiftung ist zudem stark in der Computerisierung der Schulen vor Ort engagiert. Aber Ortega will dafür keine Orden, keinen Ruhm und Glamour. Der wohl erfolgreichste spanische Unternehmer will nur seine Ruhe.


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