Den Überblick verloren: Schreyers Ärger mit dem Personal

Den Überblick verloren
Schreyers Ärger mit dem Personal

Sie gilt als intelligent, fleißig und kompetent. Doch in Brüssel zählt das derzeit wenig: Die deutsche EU-Kommissarin hat ein Kommunikationsproblem.

BRÜSSEL. Konfuzius hätte an Michaele Schreyer seine Freude gehabt. Der Vater des Erfolges, schrieb der alt-chinesische Philosoph, sei der Fleiß und nicht das Glück. Wenn das stimmt, steht der deutschen EU-Haushaltskommissarin noch eine große Karriere bevor. Denn niemand in Brüssel ist fleißiger als die Hüterin des europäischen 100-Milliarden-Euro-Etats.

Akten, Akten, Akten. So heißt ihr berufliches Lebensmotto. Selbst nach 12 harten Stunden am Schreibtisch nimmt Schreyer noch einen blauen Waschkorb voller Dossiers mit nach Hause, wo sie sie bis weit nach Mitternacht studiert. Aus Mitarbeiterbesprechungen, die zwei Stunden dauern sollen, können unter Schreyer leicht auch fünf werden. "Die Emsige", lautet der Spitzname, der in den Fluren der EU-Budgetbehörde zu hören ist.

Leider wollen sich die Früchte ihres Eifers noch nicht einstellen. Im Gegenteil. Schreyer hat wachsende Probleme mit dem Personal. Gerade erst hat schon wieder ein Pressesprecher nach monatelangem Kleinkrieg seinen Platz geräumt. Dann spitzte sich auch noch der "Fall Andreasen" zu. Gestern wurden Schreyer und der für die Verwaltung zuständige EU-Kommissar Neil Kinnock wegen der Affäre vor den Haushaltskontrollausschuss des Europäischen Parlaments zitiert. Die im letzten Jahr zunächst versetzte und dann suspendierte spanische Chef-Buchhalterin der EU-Kommission hat mit ihren Vorwürfen über die korruptionsanfällige Rechnungsführung der Riesenbehörde vor allem Schreyer in die Bredouille gebracht. Denn wie erst jetzt bekannt wurde, hat im Mai 2002 ein Finanzkontrolleur die Kritik der geschassten Beamtin bestätigt.

Schreyer wird intern angelastet, Andreasen gegen den Rat der eigenen Personalkommission angeheuert zu haben. Es war nicht der erste Fehlgriff bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter. Mit dem Fernseh-Journalisten Joachim Groß hat die Grüne bereits den dritten Pressesprecher verschlissen. Den beiden Vorgängern machte sie zum Vorwurf, die deutsche Presse nicht aktiv genug über ihr segensreiches Wirken in Brüssel zu informieren. Groß wiederum agierte nach Schreyers Geschmack zu eigenmächtig. Zwar verschaffte der PR-Profi seiner Kommissarin einige Auftritte im TV-Morgenmagazin und bei Sandra Maischberger. Doch zu oft wagte es der SPD-nahe Journalist, Zahlen und Fakten, deren Weitergabe der Chefin vorbehalten sein sollte, selbst zu lancieren. Das konnte Schreyer nicht ertragen.

Dabei braucht die Deutsche einen guten Öffentlichkeitsarbeiter nötiger als viele andere EU-Kommissare. Denn Schreyer hat ein Kommunikationsproblem. Sie jongliert mit großen Haushaltssummen, aber sie weiß nicht, welche Botschaft sie aus der Fülle der Ziffern herausfiltern soll. Wenn Kinnock die Verwaltungsreform der Kommission auf den Punkt bringen will, sagt er: "Wir machen die EU-Kommission zur modernsten Behörde der Welt." Wenn Schreyer ihre Reform der Buchführung erläutert, sagt sie: "Wir müssen die Verpflichtungsermächtigungen und Vermögenswerte stärker in das System einbeziehen."

So ist es kein Wunder, dass Günter Verheugen, der zweite deutsche EU-Kommissar, mit seinem Thema Osterweiterung der Gemeinschaft öfter und prominenter in den Medien vertreten ist. Schreyer habe Verheugen gegenüber eine "Profilneurose", vermuten führende Kommissionsbeamte. Als die EU-Kommission nach der Jahrhundertflut vom letzten Sommer einen 444 Millionen Euro-Hilfsfonds auflegte, drängelten sich beide eifersüchtig vor die Kameras der deutschen Fernsehanstalten.

Dabei gilt Schreyer nicht nur als die fachlich Kompetentere der beiden. Sie zieht auch häufiger die "nationale Karte", wenn in der Kommission über sensible deutsche Themen abgestimmt wird. Es war Schreyer, die dafür sorgte, dass Wettbewerbskommissar Mario Monti seine Vorbehalte gegen das Gesetz zu erneuerbaren Energien der rotgrünen Koalition zurückstellte. Das hat nur niemand mitbekommen.

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