Denunzianten-Hotline
Die liebe Verwandtschaft

Deutschlands Steuerfahnder nutzen Denunzianten immer systematischer als Quelle. In Köln gibt es neben einem Bereitschaftsdienst jetzt sogar eine Hotline. Es melden sich entlassene Angestellte, enttäuschte Ehefrauen und geprellte Erben: ein Blick über die Schultern der Ermittler.

HB. Der Anruf kommt an einem Montagmorgen um kurz nach acht. Die Frauenstimme klingt erregt: "Ich glaube, die Firma, in der ich gearbeitet habe, hinterzieht Steuern. Sind Sie an derartigen Informationen interessiert?"

Für Bernd Schneider* gibt es darauf nur eine Antwort. Der 48-Jährige ist Steuerfahnder im Kölner Finanzamt für Steuerstrafsachen und hat gerade Bereitschaftsdienst. Das heißt, er ist einer von zwei Beamten, die sich an diesem Tag vordringlich um allerlei Denunzianten kümmern. Ermittler Schneider nimmt also anonyme Anzeigen per Post und Telefon entgegen, prüft sie auf ihren Wahrheitsgehalt und schlägt dann oft sofort Alarm.

"Was haben Sie denn an Informationen zu bieten?", hakt er nach. "Mein früherer Chef besitzt ein Herrenhaus am Ammersee, eine Villa auf Sylt und hat sich jetzt auch noch einen Rolls-Royce gekauft, aber aus der Umsatzsteuervoranmeldung geht hervor, dass die Firma fast nichts verdient. Das passt doch nicht zusammen, oder?"

Die Anruferin will zwar ihren Namen nicht nennen und auch nicht die Motive ihres Handelns, gibt aber sonst alle Daten heraus, die es Schneider binnen weniger Stunden erlauben, die Vorwürfe auf ihren Wahrheitsgehalt zu kontrollieren: Steuernummer, Grundbuchauszüge der Immobilien und das Kennzeichen des Rolls. Noch am gleichen Tag bittet der Ermittler die Bereitschaftsdienst-Kollegen in München und Norddeutschland, sich die Villen anzuschauen; er nimmt Kontakt mit der Kfz-Steuerstelle auf und lässt sich die Steuerakte des beschuldigten Finanzanlageberaters kommen. Ein Blick reicht dann: Tatsächlich, kaum Umsätze, keine Gewinne. Nur acht Wochen später laufen die Durchsuchungen, der Unternehmer wird wegen Steuerhinterziehung und Bilanzfälschung verhaftet. Später wird der Angeschwärzte zu einer Steuernachzahlung und Strafe in Höhe von insgesamt 13 Millionen Mark verurteilt.

Und das alles nur, weil jemand geplaudert hat. "Das allerdings", so Dieter Ondracek, Chef der Deutschen Steuergewerkschaft, "kommt eben sehr oft vor." Er schätzt, dass in 20 Prozent aller Steuerfahndungsfälle die Informationen zunächst von einem Dritten stammen. "Fast immer wissen Familienangehörige oder leitende Angestellte zumindest von einem Teil der Tricksereien." Die Motive für eine Anzeige sind dann: "Erbstreitigkeiten, enttäuschte Liebe, gekündigte Arbeitsverhältnisse oder einfach nur Neid", sagt Ondracek.

All das bürgt für eine gewisse Qualität der Informationen, genauso wie der technische Fortschritt. Gab es früher oft nicht mehr als vage schriftliche Hinweise wie "Sehr geehrtes Finanzamt, schauen Sie sich doch mal die Druckerei Müller an, dort wird schwarzgearbeitet. Schicken Sie bitte bald einen tüchtigen Prüfer, aber nicht wieder so eine Nuss wie das letzte Mal", landen im Zeitalter von PC und Online-Banking immer öfter Disketten mit der detaillierten Buchführung einer Firma oder der privaten Vermögensverwaltung des Unternehmers beim Fiskus.

Denunzianten-Hotline beim Kölner Finanzamt

Und dieser weiß die neue Auskunftsbereitschaft sehr wohl zu nutzen. Bereitschaftsdienste wie jenen in Köln gibt es inzwischen in allen größeren Ämtern, die Rheinländer haben gar wegen der vielen anonymen Anzeigen eine Art Denunzianten-Hotline (0221/ 5772-140 oder-150) eingerichtet. Im Berliner Finanzministerium hört man das gerne: "Je systematischer die Steuerhinterziehung bekämpft wird umso besser."

Die Mühe lohnt sich. So auch als Ermittler Schneider einen Anruf aus dem nahen Leverkusen erhält. "Ich habe Unterlagen über eine Menge Schwarzgeld", sagt eine Männerstimme. Mehr will sie zunächst nicht verraten. Nur so viel: "Wenn Sie wollen, können wir uns heute Abend um sieben vor dem Bahnhof in Opladen treffen."

Schneider will, sagt private Termine ab und fährt zum vereinbarten Treffpunkt. Da wartet der Informant schon, ein Mann, so um die 50. Und er beginnt gleich eine Geschichte zu erzählen, die Schneider irgendwie an "Dallas am Rhein" erinnert. Es geht um einen reichen Mode-Unternehmer, 83, der zwei Töchter hat, von denen er die eine offenbar mehr schätzt als die andere. Und so will er nur der einen die Vollmacht über sein millionenschwerers Konto in Luxemburg erteilen. Zusammen fahren beide dorthin, um die Formalien abzuwickeln, und gleich darauf wieder nach Hause. Dort setzt die Tochter ihren Vater ab, um umgehend noch einmal in die Steueroase zu brausen und das Konto leer zu räumen. Davon erfährt später Tochter zwei. Sie fürchtet um ihr Erbe und sucht bei ihrem Vater nach den Kontoauszügen.

Es sind genau diese Papiere, die ihr Mann nun in Händen hält. "Das ganze ist eine Riesenschweinerei, aber dafür soll die liebe Verwandtschaft jetzt selbst bluten", sagt er und übergibt das Beweismaterial an den Ermittler.

Zurück im Amt vergleicht Schneider die Kontoauszüge mit den Angaben in der Steuererklärung des Seniors. Gleich ist klar: Der Fiskus hat Anspruch auf entgangene Steuern samt Zinsen von rund einer Million Mark.

Es sind stattliche Beträge, die auf diese Weise zusammenkommen. Allein im Jahr 2000 sorgten die bundesweit 2 000 Steuerfahnder in 43 800 Fällen für etwa 1,5 Milliarden Euro an Steuernachzahlungen. Dazu kamen Geldbußen in Höhe von 66 Millionen Euro, zudem verhängten die Gerichte über 1 000 Jahre Haft. Dass der Nachschub an Informationen über anonyme Anzeigen irgendwann abreißen könnte, das glaubt der Kölner Amtsleiter Alexander Knüppel nicht: "Besonders nach Wochenenden und Feiertagen bekommen wir viel Post und viele Anrufe", sagt er. Und vermutet: "Das sind die Folgen ordentlicher Hauskräche."

Der Troisdorfer Steuerberater Michael Seifert hat beobachtet, "dass vor allem in Scheidungsfällen oft Informationen an die Ämter gelangen". Vor allem Unternehmer versuchten nach einer Trennung gerne die eigenen Einkünfte nach unten zu rechnen, um weniger Unterhalt zahlen zu müssen. Experte Seifert hält das für "wenig weitsichtig" und "ziemlich gefährlich". Denn die Höhe der Unterhaltsansprüche bemisst sich nach den Angaben in den Steuererklärungen, die deshalb womöglich frisiert wurden. "Und wenn dann stichhaltige Infos den Finanzämtern zugespielt werden", so der Steuerberater, "muss der Betroffene gleich viermal blechen: Nachzahlung, Strafe, Zinsen und mehr Unterhalt".

Detaillierte Beschreibungen helfen den Ermittlern

An einen Rosenkrieg denkt Fahnder Schneider spontan auch, als sich eine Frau am Telefon meldet und sofort über all das Schwarzgeld ihres Ex-Ehemanns in Zürich berichtet. "Ob Sie Beweise dafür habe?", will der Ermittler wissen. "Nein, aber ich weiß, wo sie welche finden. Nehmen Sie einen Kreuzschraubenzieher mit. Lösen sie die vier Schrauben des Barschranks, rücken Sie ihn ab, dahinter ist ein Tresor, in dem die Kontoauszüge liegen."

Derart detaillierte Beschreibungen sind für die Ermittler ein klares Signal, dass an der Sache was dran sein könnte. Und tatsächlich: Schneider schaut zunächst in die Akte des Beschuldigten und begegnet einem "guten Kunden von uns, der schon mehrere Strafverfahren hinter sich hat". Er besorgt sich einen Durchsuchungsbefehl, rückt mit einem Schraubenzieher aus und findet Unterlagen über Tafelgeschäfte in Höhe von 550 000 Mark.

"Die Leute schmeißen einfach nichts weg", freut sich Amtsleiter Knüppel über die Mentalität der Deutschen. So gelangten die Fahnder sogar an die Buchführung eines bekannten Kölner Bordells. Eine Ex-Prostituierte hatte sie den Ermittlern zugespielt. Im Detail steht darin, welcher Freier wann bei welchem Mädchen war und was er bezahlt hat. Daraus ergab sich "eine ordentliche Nachzahlung" und - gäbe es das Steuergeheimnis nicht - der Stoff, "um der Bild-Zeitung wochenlang jeden Tag eine Schlagzeile zu liefern".

* Name von der Redaktion geändert.

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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