Depressionen statt Sektlaune
Der Frankfurter Neue Markt wird vier Jahre alt

Sektkorken werden am vierten Geburtstag des Neuen Marktes an diesem Samstag (10.03.) wohl nicht knallen - eine beispiellose Talfahrt der Kurse, fast täglich wiederkehrende negative Unternehmensmeldungen und das anhaltende Protestgeschrei wütender und enttäuschter Kleinaktionäre bieten wenig Grund zu Ausgelassenheit und Freude.

dpa/afx FRANKFURT. Feierte das so genannte Wachstumssegment der Deutschen Börse auf den Tag genau an seinem dritten Geburtstag seinen absoluten Höchststand von 8 583,34 Zählern, ist der alle am Neuen Markt gehandelten Werte umfassende Nemax-All-Share-Index mittlerweile auf rund 2.000 Punkte gefallen. Die unsanfte Landung aus den luftigen Höhen des Spekulationshimmels auf dem harten Boden der Börsenrealität erschütterte das Vertrauen der Anleger.

Alle Marktgesetze schienen lange Zeit außer Kraft gesetzt: Nach dem Vorbild der amerikanischen Technologie-Börse Nasdaq ins Leben gerufen, um kleineren und mittelgroßen Unternehmen die Kapitalaufnahme zu erleichtern, schien zeitweise nichts einfacher, als am Neuen Markt schnell an Geld zu kommen. Kaum mehr als eine gute Geschäftsidee war nötig, und schon floss das Kapital der Anleger in Strömen.



Neuemissionen - Lizenzen zum Gelddrucken

Die Aktien-Neuemissionen der sich zahlreich vor der Tür der Frankfurter Wertpapierbörse drängenden Unternehmen waren regelmäßig überzeichnet. Und wer als Anleger so glücklich war, Aktien zugeteilt zu bekommen, schien fast schon eine "Lizenz zum Gelddrucken" gewonnen zu haben. An eine langfristige Anlage dachte dabei kaum keiner, das Interesse galt allein dem schnellen Gewinn.

In der Euphorie wurde fast so etwas wie eine neue Sprache erfunden. Die jungen Aktien mussten nicht die Substanz der Unternehmen widerspiegeln, sondern "sexy" sein. Unternehmenschefs gebärdeten sich beinahe wie Popstars und die Medien spielten meistens mit. Wichtig war die viel versprechende "Story" - oft genug ein "ungedeckter Wechsel auf die Zukunft".

Und die Anleger bissen an. Die Kurse erklommen schwindelerregende Höhen, das Wachstum schien unaufhaltsam zu sein. Unternehmen der so genannten "New Economy" hatten dank einer riesigen Spekulationsblase nicht selten einen Börsenwert, der weit über dem von großen und profitablen Konzernen lag.



Gewinne spielten lange Zeit keine Rolle

Dass mit dem aufgenommenen Kapital zumindest mittelfristig auch Gewinne erwirtschaftet werden müssen, um am Markt bestehen zu können, schien lange Zeit keine Rolle zu spielen.

Zu hohe Ergebnisprognosen, von Aktionärsschützern bemängeltes Missmanagement und Vermutungen um geschönte Zahlen und möglichen Betrug wie beispielsweise im skandalträchtigen Fall des Software-Anbieters Infomatec schickten die Kurse in den Keller und ließen die Euphorie in der zweiten Hälfte vergangenen jahres in tiefe Depression umschlagen. Zeitweise kursierten im Spätsommer dann sogar so genannte Todeslisten, die zahlreichen Unternehmen ein baldiges Ende voraussagten.

Paradebeispiel EM.TV

Als Paradebeispiel für Aufstieg und Fall am Neuen Markt mag die Geschichte von EM.TV gelten. Als einer der ersten dort gehandelten Werte verzeichnete die Aktie des Münchner Filmrechtehändlers innerhalb kurzer Zeit eine Kursexplosion von mehreren tausend Prozent. Wer zum Börsenstart für 5 000 DM Aktien gekauft hatte, war wenig später Millionär. Jedenfalls auf dem Papier. Wer nicht verkaufte, sah sein Geld seit Mitte letzten Jahres dahinschmelzen.

Viele Börsenneulinge, die in Zeiten ständig steigender Kurse über Nacht zu selbsternannten Börsenexperten wurden, stehen seitdem vor einem Scherbenhaufen. Das Vertrauen ist erst einmal zerstört - von Kapitalvernichtung, ja sogar "Kapitalverbrennung", war die Rede.

Erste Klagen enttäuschter Aktionäre gegen Unternehmen sind längst anhängig. Eher einen Reifeprozess denn einen Rückschlag für die deutsche Aktienkultur sieht jedoch der Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstitutes (DAI) Rüdiger Rosen in den Kursturbulenzen des vergangenen Jahres.

"Ohne den Neuen Markt hätte die Aktie weder als Anlageform noch für die Unternehmensfinanzierung einen Aufschwung erlebt, wie er nach seiner Gründung eintrat", zog Rosen in dem Fachmagazin "Die Bank" positive Bilanz. Auch Petra Krüll von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hält den Neuen Markt weiter für ein "wichtiges Börsensegment". Anleger, Banken und Börse müssten einen Lernprozess durchmachen und die Transparenz am Neuen Markt weiter verbessert werden.



Kritik an den Analysten

Zudem müssten die Analysten ihre Rolle kritisch überdenken. Diese war in der Vergangenheit vielfach kritisiert worden, denn oft hatten sie mit ihren Prognosen weit neben der tatsächlichen Entwicklung der Unternehmen und ihrer Aktienkurse gelegen und damit Anleger zum Kauf animiert. Eben noch Helden oder sogar Gurus der Anleger, sahen sich manche Analysten plötzlich in der Rolle des Buhmanns massiven Vorwürfen ausgesetzt.

Hatte der Chefanalyst einer großen deutschen Bank Mitte vergangenen Jahres noch 10 000 Zähler für den Nemax-All-Share bis März 2001 als möglich bezeichnet, nahm der selbe Experte diese Schätzung im November auf 8 000 und wenig später sogar auf 6 000 bis 6 500 Punkte zurück. Die Realität holte ihn ein.

Unfreiwillig vom Börsenzettel am Neuen Markt gestrichen wurde vor kurzem als erstes das insolvente Telekom-Unternehmen Gigabell. Und der Chef von Neuer-Markt-Pionier Mobilcom, die am 10. März 1997 als erstes Unternehmen notiert worden war, Gerhard Schmid, denkt mittlerweile sogar über einen freiwilligen Rückzug nach: "Da geht es im Moment mehr um Zocken mit Aktien als um ein Investment", sagte Schmid unlängst dem "Handelsblatt".

In Zukunft würden alle genauer hinschauen, sind sich die Experten einig. Seine Unschuld jedenfalls habe der Neue Markt an seinem vierten Geburtstag längst verloren.

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