Der 1. FC Köln entlässt Trainer Ewald Lienen – Juniorentrainer John zunächst „Interimslösung“: Ende der Nibelungentreue

Der 1. FC Köln entlässt Trainer Ewald Lienen – Juniorentrainer John zunächst „Interimslösung“
Ende der Nibelungentreue

Nach der Blamage bei 1860 München am Wochenende zog der Geißbock-Klub gestern die Reißleine und entließ seinen Trainer. Als Nachfolger ist Friedhelm Funkel im Gespräch.

Nur Ewald Lienen selbst wollte es nicht wahrhaben. Der 48-Jährige versuchte zum letzten Mal, seine ganzen rhetorischen Fähigkeiten zu entfalten. Doch seinen Job beim 1. FC Köln konnte er nicht retten. Präsident Albert Caspers war nicht mehr zu Diskussionen bereit. "Ich habe ihm nur noch unsere Entscheidung erläutert. Wir haben den Glauben daran verloren, mit Lienen aus der schwierigen Situation herauszukommen. Es gab keinen Anlass mehr, viel mit ihm zu besprechen", sagte der 68-Jährige. Wenig später trat der frühere Vorstandsvorsitzende von Ford Deutschland vor die Medienvertreter: "Wir haben uns entschieden, Ewald Lienen mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben freizustellen", teilte Caspers gestern mit und wirkte dabei kreuzunglücklich. "Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen. Wir haben uns durchgerungen." Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Zwei Tage nach dem 0:3 des 1. FC Köln beim TSV München 1860 war die Dienstzeit von Lienen, der bei den Spielern immer mehr an Autorität eingebüßt hatte, nach zweieinhalb Jahren beendet. Am Entschluss des Vorstandes, gestern morgen gefällt, war lediglich der Zeitpunkt eine Überraschung. Denn Lienen war schon lange umstritten bei den lokalen Medien, aber zunehmend auch bei den Kölner Fans und vor allem bei den FC-Profis. "Was in München nach dem Führungstor für 1860 geschehen ist, war nicht mehr akzeptabel", sagte Caspers mit Blick auf den kampflosen Auftritt der Mannschaft, die seit fünf Spielen kein Tor mehr geschossen hat und auf die Abstiegsplätze zurückfiel. "Schon die Vorbereitung in den vergangenen Wochen hatte gezeigt, dass sich keine Trendwende anbahnen würde", so der Präsident, der noch im Dezember beteuert hatte, Lienen werde auf alle Fälle seinen Job behalten. "Ich konnte ihn doch nicht schwächen, indem ich laut über eine Ablösung nachdenke." Doch auch Caspers registrierte, dass die Elf wegen des harschen Trainer-Regiments völlig verunsichert war.

Im Pokalspiel bei Hertha BSC Berlin morgen und im Bundesliga-Heimspiel gegen Kaiserslautern am Samstag wird U-23-Trainer Christoph John das Team betreuen. "Dass wir mit einem Interimstrainer arbeiten, zeigt, dass wir eigentlich mit Lienen weiter geplant hatten", sagte Caspers. John, ein 45 Jahre alter Diplomsport- und Fußball-Lehrer, übernahm bereits nachmittags die erste Trainingseinheit.

Friedhelm Funkel ein heißer Anwärter für die Lienen-Nachfolge

Auch Sportdirektor Hannes Linßen, der lange eng und vertrauensvoll mit Lienen zusammengearbeitet hatte, war zur Überzeugung gekommen, dass die Zeit abgelaufen war. "Der Hauptgrund für eine Trainertrennung sind immer die Ergebnisse. Und die waren nicht gut", meinte Linßen, selbst viele Jahre Trainer beim Zweitligisten Fortuna Köln. Der Sportdirektor umriss die Anforderung an den neuen Mann: "Er soll Erfahrung in der Liga haben und es wäre von Vorteil, wenn er die Situation kennen würde." Sprich, wie ein Abstiegskandidat aus dem Schlamassel zu führen ist. Als einer der ersten Anwärter auf die Lienen-Nachfolge, dessen Vertrag eigentlich bis Juni 2003 läuft, wurde Friedhelm Funkel genannt. Der frühere Uerdinger und Lauterer Profi ist Lienen schon zweimal, beim MSV Duisburg und bei Hansa Rostock, nachgefolgt. "Wir konzentrieren uns jetzt erstmal auf Berlin und Lautern. Das sind zwei Endspiele, der Pokal aus finanziellen Gründen, die Bundesliga wegen der Punkte", sagte Linßen. Caspers bestätigte, dass "Notstopfen" John eventuell zur Dauerlösung werden könne. In einer ähnlichen Konstellation hat vor 16 Jahren Christoph Daum seine Trainerkarriere in Köln begonnen.

Als Lienen das Klubgelände verließ, pöbelten einige Fans hinter ihm her. Lange Zeit hatten große Teile des Anhangs zum Trainer gestanden, der die Kölner im Sommer 2000 in die Bundesliga zurückgeführt hatte. In der Aufstiegssaison spielte das Team Offensivfußball und nährte die Hoffnungen auf eine Rückkehr an die Spitze. Doch die hohen Erwartungen wurden bitter enttäuscht, selbst mit den drei Verstärkungen Zellweger, Song und Laslandes trat kein entscheidender Aufschwung ein. Lienen agierte an der Seitenlinie sehr erregt und machte sein Personal nervös, das durch ständige Aufstellungswechsel ohnehin verunsichert war. Widerspruch duldete Lienen nicht, stattdessen ging er den Spielern mit einer Litanei zum richtigen Profi-Verhalten von der Ernährung bis zur Bettruhe auf den Geist.

"Die Mannschaft hat unsere Entscheidung ohne erkennbare Regungen zur Kenntnis genommen", sagte Caspers, der selbst litt wie Lienen: "Das ist einer meiner unglücklichsten Tage."

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