Der 1. FC Köln hat den Abstieg gut verkraftet – finanziell wie sportlich
Der FC Bayern der zweiten Liga

Als ungeschlagener Tabellenführer überwintern die Kölner in der zweiten Liga. Ein knappes Jahr nach Antritt fährt das sportliche Führungsduo Funkel/Rettig damit die Früchte guter Arbeit ein. Im Umfeld geht man derweil dem für den Verein üblichen Größenwahn nach.

KÖLN. In der Hinrunde 39 Punkte geholt, sechs Punkte Vorsprung auf Platz zwei, den mit Abstand größten Etat der Liga, Viertelfinale im DFB-Pokal erreicht. Das ist die Hinrundenbilanz des FC Bayern München.

Und auch die des 1. FC Köln. Der Zweitligist hat zuletzt am 20. April verloren - im Westfalenstadion mit 1:2 gegen den BVB. Seitdem sind die Kölner in 22 Spielen ungeschlagen und steuern Richtung Wiederaufstieg. Kein Wunder, dass die Zweitligakonkurrenz die Rheinländer als den "FC Bayern der zweiten Liga" verspottet. Die Kölner ficht das nicht an: Nach einem mühsamen 1:0 gegen Burghausen zum Ende der Hinrunde geht der FC einem ruhigen Weihnachtsfest entgegen.

Dabei brannte noch im Frühjahr, nach dem zweiten Abstieg binnen vier Jahren, der Baum rund um den Dom. Christian Pirzer, Deutschland-Chef des FC-Vermarkters IMG, schätzt die Vermarktungseinbußen des Vereins in der zweiten Liga auf 30 Prozent. Grund zu Besorgnis hat er aber nicht: "Die Sponsoren stehen auch in dieser schwierigen Phase zum FC. Unsere Banden sind auch dank der zahlreichen DSF-Livespiele alle verkauft", sagt Pirzer. Auch der Verkauf der Businesslogen im neuen RheinEnergy-Stadion verläuft nach Plan: "11 der 48 Logen haben wir schon für kommende Saison vermietet", sagt Pirzer. Auch die Saisonmiete der Logen ist mit rund 45 000 Euro auf Bundesliga-Niveau.

Ähnliches gilt für den Etat von 20 Millionen Euro. Dass man in Köln auf hohem Niveau über den Abstieg jammert, verdankt der FC geschickten Schachzügen: Genau zum Zenit des sportlichen Höhenflugs, als man im Dezember 2000 an den Uefa-Plätzen schnupperte, verkaufte der Klub seine Vermarktungsrechte für die nächsten zehn Jahre an den amerikanischen Rechtevermarkter IMG. Das Vertragsvolumen einschließlich des "Signing Bonus" - der Abschlussgebühr - und den jährlichen Garantiesummen wird auf rund 60 Mill. Euro über die gesamte Laufzeit geschätzt.

Das sicherte dem FC die Pacht für die neue, 51 500 Zuschauer fassende reine Fußballarena, die derzeit bei laufendem Spielbetrieb entsteht. Während die meisten Klubs bei der Finanzierung ihres Stadions mit im Boot sitzen und somit auch das wirtschaftliche Risiko mittragen, muss der FC in den nächsten Jahren lediglich fünf Millionen Euro Pacht pro Jahr zahlen, die über den Vermarktungsvertrag gesichert sind. Das Stadion errichtet die Stadt Köln in Eigenregie.

Zum finanziellen Glück traf die Vereinsspitze in höchster sportlicher Not zu Jahresbeginn auch sportlich ins Schwarze; sie berief Friedhelm Funkel zum Trainer und Freiburgs Manager Andreas Rettig ("Ich fühle mich auf Baustellen wohl") zum Sportdirektor. Den Abstieg verhinderten sie nicht mehr, aber ihr Erfolg spricht Bände. "Die Mannschaft hat die zweite Liga verinnerlicht", sagt Funkel.

Übersetzt heißt das: Schön ist das nur selten anzusehen, was die Kölner in den letzten Wochen boten. Stattdessen fuhren sie ihre Punkte effektiv und routiniert ein und haben auch keine Scheu, knappe Führungen im eigenen Stadion über die Zeit zu schleppen. Kein Wunder, dass sich das Kölner Maskottchen, der leibhaftige Geißbock "Hennes VII", bei den letzten Heimspielen vom Spielgeschehen abwandte und die Tribüne anstarrte.

Dort hegen viele Fans ob der glanzlosen, aber erfolgreichen Auftritte ihres Vereins Zweifel, ob die Qualität des Kaders und die leidlich attraktiven Leistungen auf dem Rasen für die erste Liga reicht. Immerhin gehörten acht der elf Stammakteure bereits zum Kern der Truppe, die vor drei Jahren schon einmal den Aufstieg stemmte - und dann zwei Jahre später unterging. Um Leistungsträger wie Dirk Lottner und Matthias Scherz mistete Funkel im Sommer kräftig aus und füllte den auf 21 Spieler geschrumpften Kader mit Amateuren und Leihspielern auf. Eine Kostenersparnis, um die der Klub nun beneidet wird.

Aber im Kölner Umfeld, wo man sich stets als deutscher Topklub sieht, wird es Funkel nicht gedankt. "Scheinbar hat er nicht die Aura, die man als Trainer braucht, um eine Kölner Mannschaft zu trainieren", meint ein Fan im Internetforum. So riefen die Anhänger in ihrem latenten Hang zum Größenwahn im Februar, als der Abstieg aus der ersten Liga längst unvermeidlich schien, nach dem Zampano Christoph Daum. Sie bekamen den soliden Funkel. Für den "zählt nur der Erfolg der Mannschaft." So bat er vier Wochen vor den anderen Teams im Sommer zum ersten Training. "Seinerzeit haben uns alle ausgelacht. Jetzt haben wir die Ernte eingefahren", sagt Funkel.

Gelegenheit zur Standortbestimmung haben die Kölner in sieben Wochen: Im Viertelfinale des DFB-Pokals trifft der FC Bayern der zweiten Liga dann das Original aus der ersten Liga.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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