Der 11. September des Mechanikers Bobby Graff
„Lauft,lauft, lauft“

Es vergeht kein Tag, an dem Bobby Graff nicht mit Kollegen seiner Retter spricht. "Wie geht's Euch, Leute?", fragt er, wenn er Ground Zero passiert. Und abends auf dem Weg nach Hause verabschiedet er sich. "Gute Nacht, Freunde." Bobby, dessen Großvater einst aus Deutschland kam, verdankt sein Leben, wie er sagt, einem knappen Dutzend Feuerwehrleuten. Nur um die Verdienste dieser Männer zu würdigen, ist er bereit, seine Geschichte vom 11. September zu erzählen.

dpa NEW YORK. Dabei kommen dem 45-jährigen, mittelgroßen, kräftig gebauten Mann immer wieder die Tränen. Ihm geht die Schilderung seiner Erinnerungen so nah, dass er sich danach wieder zur Behandlung ins Krankenhaus einweisen läßt. Je näher der Jahrestag rückt, desto weniger würden viele Menschen mit dem am 11. September Erlebten fertig, sagt Nancy. Die Frau, die nur ihren Vornamen nennt, betreut die Feuerwehrleute in Brooklyn psychologisch.

"Ich rannte über Schutt, Scherben und Körper"


Bobby, eigentlich Robert, ist Fahrstuhlmechaniker und hatte einen Job im Marriot-Hotel in World Trade Center Nr. 3. Er war außer Haus gerufen worden, als das erste Flugzeug in den Nordturm raste. "Ich lief auf die Straße und sah die Flammen und Rauchwolken aus den oberen Stockwerken aufsteigen. Ich rannte über Schutt, Scherben und Körper zum Mariott, die Treppen hoch bis zum Ballsaal im obersten Geschoss." Das Hoteldach war eingebrochen, und es herrschte Chaos. Dennoch fand Graff den Schaltkasten für die Fahrstühle und brachte das System notdürftig wieder in Gang. So konnte er Eingeschlossene aus den Aufzügen befreien und später andere Menschen aus oberen Stockwerken in die Hotellobby bringen. "Wir durchkämmten alle Zimmer", sagt er und betont, dass auch wirklich niemand zurückblieb. Ein Gast aber sei gestorben, als er auf der Straße von Trümmern getroffen wurde. Die Rettung aller anderen Gäste gelang nach Meinung von Graff vor allem deshalb, weil die Feuerwehrleute den Hauptausgang des Hotels blockierten. Der hätte zu den brennenden Türmen und damit ins Verderben geführt.

Erst jetzt brach Panik aus


Graff erinnert sich, dass alle die Nerven behielten, bis der Einsatzleiter von "Ladder 118" zu schreien begann: "Lauft, lauft, lauft!" "Offensichtlich war er vor dem Einsturz des Turms gewarnt worden, der unweigerlich auch das Hotel zu Fall bringen musste." Erst in jenem Moment brach Panik aus. "Alle drängten zum Hauptportal, wurden aber zurückgedrängt und zum Seitenausgang durchs Restaurant dirigiert." Auch er habe den Weg durch den Haupteingang wählen wollen.

"Am schlimmsten war der dicke Staub"


Stattdessen ging Graff mit zwei Hotel-Kollegen zurück zum Fahrstuhltrakt. Dort wurde er von einer dichten schwarzen Wolke, Dröhnen und Krachen eingeholt, das ihn fast seiner Sinne beraubt habe, wie er sagt. Eine Druckwelle warf ihn zu Boden. Er wurde von Stahlteilen getroffen, verletzt und verlor einen Zahn. Am schlimmsten aber sei der dicke Staub gewesen, sagt er, "der auf der Zunge saß, das Atmen fast unmöglich machte, die Ohren verstopfte und die Augen wie verrückt brennen ließ". Er habe seinen Kollegen Joe fest an der Hand gehalten. Doch dieser habe keine Chance gehabt. Er sei auf der Stelle gestorben. Schwimmbad-Manager Jimmy habe einen Schock erlitten. Er folgte Graff noch über das Geröll bis zu dem Loch, aus dem ein Feuerwehrmann die Überlebenden ins Freie zog. Danach hat er nie wieder von ihm gehört.

"Sie opferten ihr Leben, um das anderer zu erhalten"


"Jimmy war völlig verwirrt. Vielleicht ist er in die falsche Richtung gestolpert und ist von Trümmern des zweiten Turmes erschlagen worden", fürchtet Graff. Bobby Graff, der inzwischen an der New Yorker Börse in der Wall Street beschäftigt ist, hat mitgeholfen, gut 920 Hotelgäste in Sicherheit zu bringen. Dass sich die Feuerwehrleute vom Bataillon "Ladder 118" nicht selbst in Sicherheit brachten, kann er bis heute schwer begreifen. "Sie wussten, dass der Turm herunterkam. Doch sie blieben stehen, um anderen den Weg zu weisen. Sie opferten ihr Leben, um das anderer zu erhalten", erinnert sich Graff. Er sah die Gruppe der Männer mit der Nummer 118 auf dem Helm beim Einsturz des Hotels in einer schwarzen Wolke verschwinden. "Vielleicht sechs Meter von mir entfernt", schätzt er. Keiner von ihnen überlebte.

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