"Der 11.September hat einiges dramatisch verändert"
Reiseindustrie lernte Bescheidenheit

Neun Monate sonnte sich die Reiseindustrie 2001 wie gewohnt im Erfolg. Auch wenn die Konjunktur lahmte, Umsatzsprünge von bis zu zehn Prozent waren in den Jahren zuvor eher Regel als Ausnahme. Selbst Golfkrieg oder Erdbeben, Terror in Ägypten, Türkei und Spanien hatten die steil nach oben zeigende Wachstumskurve nicht geknickt. Doch der 11. September ließ das Geschäft einbrechen. Erstmals mussten sich die Macher von Millionen Urlaubsträumen mit Krisenszenarien, Stellenabbau und millionenschweren Sparprogrammen auseinander setzen.

dpa HANNOVER. Die Terroranschläge in den USA waren nach Einschätzung der Welttourismusorganisation (WTO) Auslöser für die schwerste globale Krise der Reisebranche. Und der deutsche Markt litt besonders. Während in anderen Ländern Europas die Kunden im Verlauf der Wochen nach und nach in die Reisebüros zurückkehrten, reagierten potenzielle Urlauber in Deutschland sensibler. Inzwischen hat die Reisebranche das Jahr 2002 abgeschrieben, sie kalkuliert mit einem Umsatzrückgang von zehn und mehr Prozent.

Dabei waren die Spitzen bei Marktführer TUI oder die Konkurrenten Thomas Cook (Oberursel), Rewe Touristik (Köln) oder FTI (München) nach dem 11. September noch davon ausgegangen, die Reiseunlust der Deutschen sei nur von kurzer Dauer. Von einer "leichten Zurückhaltung im Markt" war die Rede. Thomas Cook-Chef Stefan Pichler sagte zwei Wochen nach den Anschlägen: "Ich gehe davon aus, dass sich das Vertrauen der Urlauber rasch wieder einstellt."

Alle Prognosen waren falsch


TUI-Vorstandschef Michael Frenzel meinte Ende Oktober: "Es gibt keinen Trend gegen das Produkt Fliegen, es gibt keinen Trend gegen das Produkt Reisen." Andere Krisen in der Vergangenheit hätten gezeigt, dass die Menschen schnell zum normalen Buchungsverhalten zurück kehrten. Mit ihren Prognosen lagen alle daneben.

Als die Reiseveranstalter gerade einen dünnen Hoffnungsschimmer sahen, häuften sich Ende des Jahres Meldungen über Konjunkturtief, Arbeitsplatzabbau und die größte Pleitewelle der deutschen Geschichte. Ein neuer Rückschlag war der Anschlag auf der tunesischen Ferieninsel Djerba im April, bei dem 19 Menschen starben, 14 davon waren deutsche Urlauber. Die Bilder von den schwer verletzten Brandopfern riefen die grausamen Folgen des internationalen Terrors auch in Deutschland wieder ins Gedächtnis.

Sparen am Urlaub


"Die Hoffnung auf eine schnelle Erholung damals ist trügerisch gewesen", räumt Klaus Laepple ein, der Präsident des deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalterverbandes. "Der 11. September hat einiges dramatisch verändert." Die Kunden seien insgesamt zurückhaltender und auf Grund wirtschaftlicher Unsicherheit und Euro-Umstellung preisbewusster geworden. "Die Leute sind inzwischen auch bereit, am Urlaub zu sparen. Sie lassen das Geld lieber auf der Bank. Das gab es früher nicht", meint Laepple.

"Da fallen Arbeitsplätze weg"


Während die großen Konzerne auf hohem Niveau leiden und ihre Sparziele zumindest in Deutschland ohne den Abbau von Arbeitsplätzen erreichen, sieht es bei den rund 22 000 Reisebüros anders aus. "Da fallen Arbeitsplätze weg", meint Laepple. Er geht davon aus, dass zum Ende des Jahres 1 000 Reisebüros aufgegeben haben, weil ihnen die Einnahmen aus den Buchungsprovisionen fehlen und die Kosten wegrennen.

Insgesamt ist die Branche bescheidender geworden. Ziele für die neue Saison im Winter werden nicht mehr hoch gesteckt. TUI-Deutschland-Geschäftsführer Volker Böttcher gibt als Losung aus: "Wir wollen das zurückholen, was wir verloren haben." Ähnlich will es Thomas Cook mit der Hauptmarke Neckermann. Würde es klappen, wären das wieder die Umsätze des Winters 2000/2001, vor dem 11. September. Von Wachstum wie in den rosigen Zeiten früher ist keine Rede. Und Verbandspräsident Laepple meint: "Wir sind erst auf dem Weg zurück zur Normalität. Das wird aber noch eine Weile dauern."

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