Der 43-Jährige ist Chef der Royal Bank of Scotland
Fred Goodwin: Der Reißwolf

Harmlos ist nur sein Äußeres: Der Schotte Fred Goodwin gilt als knallhart - er brachte seine Bank ganz nach vorne. Von ihm könnte sogar Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann lernen.

LONDON. Er hat erreicht, wovon Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann noch träumt. Von Fred Goodwin, Vorstandschef der Royal Bank of Scotland (RBS), könnte der Schweizer wohl lernen, wie man eine Bank ganz nach vorne bringt: Das schottische Geldhaus hat inzwischen die zweithöchste Marktkapitalisierung in Europa und die fünfthöchste weltweit. Und nach zwei Jahren im Amt legt Goodwin keine Pause ein. Erst in der vergangenen Woche, nach Vorlage eines glänzenden Halbjahreszeugnisses seines Instituts, kündigte er neue Zukäufe in Amerika an.

Auch wenn der Freizeit-Golfer und Restaurateur alter Autos zunächst über den Atlantik strebt: Er hält einen wachen Blick auf den europäischen Markt. In Deutschland - dort ist er über die Töchter Natwest und den Autoversicherer Direct Line bereits am Markt - könne es weitere "taktische Akquisitionen" geben, heißt es.

Der Expansionsdrang von Goodwin ist ungebremst. Denn er gehört zu den wenigen Bankenchefs, deren Institute in diesen Monaten aus dem Vollen schöpfen. Mit einem operativen Gewinn von mehr als 3,1 Milliarden Pfund (gut 4,9 Milliarden Euro) lag sein Haus im ersten Halbjahr um 15 Prozent über dem Niveau von 2001. Die Eigenkapitalrendite ist zweistellig. Von jedem eingenommenen Pfund fällt nicht einmal die Hälfte für Kosten weg, und die Risikokredite bleiben trotz der Wirtschaftslage stabil.

Mit harter Hand

Die Erfolge der beiden jüngsten großen Zukäufe, der Geschäftsbank National Westminster (Natwest) und des Filialnetzes der amerikanischen Mellons-Bank, liegen deutlich über den Planungen. Analysten zeigen sich angetan - auch das kommt nicht häufig vor im neuen Jahrhundert. Wie schafft es ein Mann, der auch wenige Tage vor seinem 44. Geburtstag einer Erwachsenen-Version des Zauberlehrlings Harry Potter gleicht, die Bank derart nach vorn zu bringen?

Mit Härte. In Großbritannien orientiert sich längst niemand mehr am harmlosem Äußeren des Bankenchefs, an seinem jugendlich-charmanten Auftritt oder der demonstrativen Lockerheit, die ihn auch in der Öffentlichkeit schon mal ein Glas Wein trinken lässt. Seit Jahren trägt er in der City den Namen "The Shred", was sich mit "Der Reißwolf" eher nett übersetzen lässt.

Zwar geht dieser Titel auf frühere Tage als Vorstandschef bei den Banken Clydesdale und Yorkshire zurück, wo er massenhaft Stellen abbauen musste. Er lässt sich aber auch auf den heutigen Arbeitgeber übertragen. Der an der Universität Glasgow ausgebildete Banker ist ein Kostensenker, dessen Rücksicht enge Grenzen kennt. Im Zuge der Natwest-Übernahme kündigte er den Wegfall von rund 18 000 Arbeitsplätzen an. Zwei Jahre später hat er davon 17 000 erreicht. Mitunter verlassen Mitarbeiter gemeinsame Treffen zutiefst dankbar, weil er sie "nicht in Stücke gerissen hat", wie sie sagen.

Keine Zeit zum Feiern

Doch das allein reicht nicht, um ein Institut voranzubringen. In der Vergangenheit lag der Schotte, der mit seinem Vorstandskollegen Larry Fish einen engen Verbündeten und persönlichen Freund gefunden hat, auch strategisch auf der sicheren und glücklichen Seite: Beim Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) sowie bei Aktienemissionen hielt er sich stets zurück. Auch deshalb verfolgt er den langsamen Zerfall des M&A-Marktes gelassen. Auch als viele Banken ihre Filialen zu Gunsten von virtuellen Handelsräumen schlossen, blieb er vorsichtig. Lieber investierte er in Technik im Hintergrund, um mit den autonomen RBS-Einheiten effizient kommunizieren zu können. Dass er übernommene Institute wie Natwest selbstständig lässt, hat ebenfalls Vorteile: Die eingeführte Marke bleibt den Kunden erhalten.

Auch mit strategischen Partnerschaften hat Goodwin, anders als etwa die deutsche Commerzbank früher mit ihren "Wahlverwandtschaften", Erfolg. Ohne die spanische Santander Central Hispano (SCH), die rund acht Prozent an RBS hält, hätte er niemals die feindliche Übernahmeschlacht um NatWest gegen die Bank of Scotland gewinnen können. Im Gegenzug half Goodwin den Spaniern bei der Übernahme der brasilianischen Banespa.

Vermutlich wird der 1990 vom Staat eingesetzte Privatisierer eines Industriekonzerns auch seinen 44. Geburtstag in zwei Tagen in der Bank verbringen. Um zu feiern, dürfte er nach eigener Einschätzung zu viel zu tun haben.

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