Der 47-Jährige ist Vorstandschef der RTL Group
Die Doppelbegabung

Er hat es geschafft: Er führt jetzt Europas größten Fernsehkonzern. Und in einer Woche darf er ein gutes Ergebnis präsentieren. Doch Zeiler bleiben einige Baustellen.

KÖLN. Um den Chefsessel bei Europas größtem TV-Konzern RTL Group hat er sich nicht gerade gerissen. Dabei fehlt es Gerhard Zeiler keineswegs an dem nötigen Ehrgeiz. Aber der Job in dem nüchternen Bürotrakt am Rande des Luxemburger Banken- und Europaviertels gilt als schwierig. Die Chefs der zur Gruppe gehörenden TV- und Radiosender lassen sich nicht gerne von der Holding etwas sagen. Das bekam schon Didier Bellens zu spüren, der aus Enttäuschung über den mangelnden Rückhalt beim Gesellschafter Bertelsmann vor ein paar Wochen aufgab.

Derartige Niederlagen bleiben dem neuen Chef Zeiler erspart. Als Geschäftsführer von RTL Deutschland - diese Position behält er - steuert der 47-Jährige sowieso rund die Hälfte zum Umsatz des TV-Konzerns bei. Zudem steht der einstige Redakteur der SPÖ-Pressedienstes "Sozialistische Korrespondenz" bei Bertelsmann-Chef Gunther Thielen hoch im Ansehen. Er schätzt Zeilers Effizienz und Geradlinigkeit.

Er hat RTL in Köln in den vergangenen vier Jahren trotz des miserablen Werbemarktes und des Zusammenbruchs der New Economy zu einer der wichtigsten Ertragssäulen im Bertelsmann-Reich gemacht. RTL ist mit einer Quote von 17,6 % (2002) in der werberelevanten Zielgruppe mit großem Abstand der Marktführer vor den Verfolgern Pro Sieben und Sat 1.

"Zeiler ist ein unabhängiger Charakter. Er ist sicherlich kein Erfüllungsgehilfe von Gütersloh", sagt ein RTL-Mitarbeiter über seinen Chef. Genau diese Unabhängigkeit braucht er, um die Zusammenarbeit zwischen so unterschiedlichen Sendern wie RTL (Deutschland), M 6 (Frankreich), RTL 4 (Niederlande) oder Channel 5 (Großbritannien) verbessern zu können.

Zeiler weiß, worauf er sich einlässt. Schon unter seinem Vorgänger Bellens saß er im Führungsgremium der RTL Group. Doch anders als Finanzstratege Bellens ist Zeiler eine Doppelbegabung. "Der Gerhard verbindet ideal Kreativität und kaufmännisches Können", sagt ein Freund. Der frühere Generalintendant des ORF und Chef von RTL 2 hat eben ein Gespür für das Programm, ohne die Rendite zu vergessen.

Der Erfolg mit der Musiktalentshow "Deutschland sucht den Superstar" ist dafür ein Musterbeispiel. Trotz der anfänglichen Zurückhaltung im eigenen Haus glaubte Zeiler, der selbst keinen Glamour in der so selbstverliebten Branche braucht, fest an den Erfolg. In enger Partnerschaft mit der Produktionstochter Fremantle, dem Musikkonzern BMG und der Drucksparte Arvato führte er vor, welche Geldverdienmaschine Fernsehen sein kann.

"Ich setze auf Teamarbeit und flache Hierarchien. Den Umgang mit Kollegen und Mitarbeitern sollen Transparenz und Ehrlichkeit bestimmen", sagte Zeiler bereits vor Jahren über seinen Führungsstil. Daran hat er sich bis heute gehalten. An seinem ersten Arbeitstag in Luxemburg sparte Zeiler daher nicht mit Lob für seinen bei Bertelsmann in Ungnade gefallenen Vorgänger Bellens und nahm mit seiner Rede die 70 Mitarbeiter der Holding für sich ein.

Dennoch besteht kein Zweifel, dass der Manager das RTL-Group-Management schnell nach seinem Gusto umbauen wird. "Zeiler ist fair, sachlich, aber er ist auch ein Machtpolitiker", sagt ein Mitarbeiter.

In Luxemburg sieht man Zeiler vor allem als Europäer. Der mit einer Engländerin verheiratete Österreicher, der sich sehr gut mit dem Pariser M-6-Chef Nicolas de Tavernost versteht, kann integrieren. Das hat er beim Aufbau der Senderfamilie in Deutschland mit Vox, Super RTL, und RTL 2 und N-TV gezeigt.

Allerdings, wie Zeiler seine beiden Jobs in Köln und Luxemburg bewältigen wird, ist noch unklar. Er will mindestens zwei Tage pro Woche in Europa für die RTL Group unterwegs sein. Bereits in einer Woche muss der Literatur-Liebhaber die Zahlen der RTL Group für das vergangene Jahr vorlegen. Mehr als 400 Millionen Euro soll die Gruppe verdient haben - ein gutes Ergebnis in der Branchenkrise.

Aber auf Zeiler warten schwierige Aufgaben. Die Managementprobleme bei Sportrechtevermarkter Sportfive sind nicht gelöst. Die Zusammenarbeit und der Erfahrungsaustausch unter den Sendern ist ausbaufähig. Und Zukäufe in Märkten wie Spanien sind unsicher. Schafft er es jedoch, der Sendergruppe zu neuen Höhenflügen zu verhelfen, steht seinem weiteren Aufstieg bei Bertelsmann nichts im Weg.

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VITA

Gerhard Zeiler wird 1955 in Wien geboren. Nach dem Studium der Psychologie, Soziologie und Pädagogik macht Zeiler schnell eine SPÖ-Parteikarriere und schafft es bis zum Pressesprecher des österreichischen Bundeskanzlers. Seine TV-Karriere beginnt 1986 beim ORF. Zu seinen Stationen zählen der Chefposten bei Tele 5 und RTL 2 in München sowie als Generalintendant des ORF in Wien. Im Herbst 1998 wird er zum Chef von RTL in Köln berufen. Dort baut er die Marktführerschaft des Senders aus und kümmert sich um die Senderfamilie Vox, Super RTL und RTL 2. In der vergangenen Woche hat Zeiler zusätzlich den Chefposten der RTL Group mit ihren 23 TV- und 22 Radiosendern übernommen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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