Der 49-Jährige ist Chef des brasilianischen Stahlkonzerns CSN
Benjamin Steinbruch: Ein Spieler mit Netzwerk

Von seiner Firmengruppe ist nicht mehr viel übrig. Aber die Stahlschmelze hat er gerettet. Und Steinbruch ist Großaktionär des Konzerns CSN-Corus, der jetzt sogar vor Thyssen-Krupp liegt.

SAO PAULO. Er spaltet Brasilien in zwei Lager. Manche halten ihn für wagemutig, für einen echten Entrepreneur, ohne Respekt vor der alten Unternehmerkaste des Landes. Andere, und davon gibt es immer mehr, halten ihn aber für einen Phantasten. Unverantwortlich ist noch eines der netteren Adjektive, die Benjamin Steinbruch angehängt werden.

In diesen Tagen sorgt er für neuen Diskussionsstoff. Steinbruch hat es geschafft, das Stahlgeschäft seiner immer mehr auseinander brechenden Firmengruppe zu retten. Der 49-Jährige mit dem gewinnenden Lächeln hat das getan, was er am besten kann: verhandeln und Geschäftspartner mit seinem Charisma überzeugen.

Bei Thyssen-Krupp gelang ihm dies zwar nicht, aber beim niederländisch-britischen Stahlkonzern Corus. Der übernimmt den von Steinbruchs Textilgruppe Vicunha kontrollierten Stahlkonzern Companhia Siderúrgica Nacional (CSN), die größte lateinamerikanische Stahlschmelze. Wenn sich die Kartellämter und Finanziers nicht querstellen, entsteht so der fünftgrößte Stahlkonzern der Welt, noch vor Thyssen-Krupp.

Steinbruch, Chef und Großaktionär von CSN, hat höhere Ziele. In zwei Jahren werde er Aufsichtsratschef der neu formierten CSN-Corus-Gruppe und löse den jetzigen Corus-Chairman Brian Moffet in London ab. Das behauptet er zumindest. Aber er spricht ja auch von "Fusion" statt von "Übernahme".

So richtig glaubt ihm das mit der Fusion jedoch niemand. Zwar ist Steinbruchs Familie mit einer befreundeten Familie künftig mit 37,6 Prozent größter Einzelaktionär des fusionierten Stahlkonzerns. Aber inzwischen herrscht in Brasilien der Eindruck vor, dass die europäische Corus-Gruppe die brasilianische CSN vor allem wegen ihrer weltweit niedrigsten Produktionskosten und ihrer gewaltigen und billigen Erzvorkommen übernommen hat. Steinbruch muss sich deshalb gegen den Ruf eines Ausverkäufers des ehemaligen brasilianischen Staatseigentums wehren - gegen den Ruf eines Spielers mit gutem Netzwerk, der vor allem für sich viel herausgeholt hat.

Bislang schaffte es der braun gebrannte Brasilianer immer wieder, mit seinen Kontakten zu Banken und Unternehmen hochkarätige Konsortien zusammenzubringen. Jedes Mal wollte er aus den Firmen schlagkräftige brasilianische Multis für den Weltmarkt schmieden. Deshalb stand die Privatbank Bradesco, die größte in Lateinamerika, jahrelang hinter ihm.

Sie half auch mit, dass Steinbruch seinerzeit Gefallen am Textilbetrieb seines Vaters fand. Bis dahin hatte sich der lebenslustige Junior in Rio de Janeiro vor allem für die angenehmen Dinge des Lebens interessiert: für Frauen, Sportwagen und Rennpferde. Aber dann legt der Playboy los. Die Textilfirma seines Vaters ist nur die Basis für seine hochfliegenden Pläne. So steigt der gelernte Betriebswirt 1997 bei der maroden CSN ein und verkauft sich selbst so gut, dass er Chairman des Stahlkonzerns wird, obwohl er nur knapp 15 Prozent des Aktienkapitals besitzt. Und Brasiliens Wirtschaft zollt dem Newcomer Beifall, weil die Stahlschmelze bald Gewinne erzielt.

Steinbruch geht auf eine wilde Einkaufstour. Er erwirbt einen Energieverteiler und Telekomlizenzen. Und 1997 kauft er die Comp. Vale do Rio Doce (CVRD), den größten Eisenerzexporteur der Welt. Mit dem Argument, dass er mit Erz, Stahl und Logistik das "zusammenbringt, wo Brasilien am besten ist", überzeugt er sogar die Gewerkschaften.

Der Höhenflug bekommt dem neuen Stahlbaron jedoch nicht: Er übernimmt zu viele Chairman-Posten, kann nicht delegieren und intrigiert in den Konzernen. Außerdem eckt er als Manager an. In Besprechungen, zu denen er öfter eines seiner vier Kinder mitbringt, muss er immer das letzte Wort haben. "Er führte die Riesenkonzerne wie einen Familienbetrieb", schimpft ein Ex-Mitarbeiter bei Vicunha, "das musste irgendwann schief gehen."

Enge Vertraute springen ab, die Firmengruppe zerfällt. Erst stoppen seine Finanziers die Expansionspläne, dann zwingen sie ihn, seine Anteile am Erzriesen CVRD zu verkaufen. Am Ende besitzt Steinbruch nur noch seine Anteile an der Stahlschmelze CSN und den Textilkonzern Vicunha, der hoch verschuldet ist. Die inländischen Kreditgeber hat er düpiert, und jetzt, mit der Brasilienkrise, sind auch die ausländischen Finanzquellen verschlossen. Da gelingt es ihm, mit Corus einen Retter an Land zu ziehen.

So rettet er zwar den brasilianischen Stahlkonzern CSN, aber wohl kaum seinen eigenen Ruf im Lande. Da nutzt es Benjamin Steinbruch auch wenig, dass er - wie manche Prominente in Brasilien - weiterhin einmal wöchentlich in der Kolumne einer brasilianischen Zeitung über Gesellschaftsthemen schreibt.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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