Der 49-Jährige ist der neue starke Mann bei Merrill Lynch
Stanley O’Neal: Der bescheidene Kronprinz

Stanley O?Neal, Sohn eines Fabrikarbeiters und Enkel eines Sklaven, hat sich aus einfachsten Verhältnissen an die Spitze des amerikanischen Geldadels emporgearbeitet.

"Wenn Sie mit Stanley O?Neal in einer Gruppe von Leuten stehen, dann wird er Sie nicht merken lassen, wen Sie vor sich haben", sagt einer seiner Mitarbeiter. Der neue Kronprinz für den Top-Job bei der US-Investment-Bank Merrill Lynch hat sich offenbar ein gewisses Maß an Bescheidenheit bewahrt. Das mag damit zu tun haben, dass er nicht in die Rolle geboren ist. Er hat sie sich von ganz unten erarbeitet.

Stanley O?Neal, 49, Sohn eines Fabrikarbeiters aus dem Süden der USA und Enkel eines Sklaven, ist zum neuen Präsidenten und Verantwortlichen für das Tagesgeschäft der führenden Investment-Bank mit dem größten Brokerhaus der USA ernannt worden. In drei Jahren soll der fast 1,90 Meter große, sportliche Afro-Amerikaner Vorstandschef David Komansky, 62, ablösen. Komansky geht 2004 in den Ruhestand.

Im Vergleich zum aufgeschlossenen und zugänglichen Komansky gilt O? Neal als eher sachlich und ein wenig kühl. Doch Merrill braucht derzeit keinen geselligen Unterhalter. Die Bank braucht vielmehr jemanden, der ihre Ergebnisse in Ordnung bringt. Mit einem Gewinn-Rückgang um 41 Prozent hat Merrill im zweiten Quartal 2001 schlechter abgeschnitten als die ebenfalls unter den schwachen Aktienmärkten leidenden Konkurrenten Goldman Sachs oder Morgan Stanley.

O'Neal arbeitet still und leise

Still und leise, wie es seine Art ist, hat sich O?Neal längst an die Arbeit gemacht und in den vergangenen Monaten 2 000 Stellen abgebaut. Herbert Allison, den Komansky zunächst als seinen Nachfolger auserkoren hatte, bewies bei dieser heiklen Aufgabe weniger Geschick. Als der damalige Präsident und Chief Operating Officer von Merrill im Gefolge der Finanzkrise von 1998 rasch und ziemlich wahllos 3 400 Stellen strich, war er nicht nur bei den Mitarbeitern unten durch. Auch Analysten kreideten ihm dies als Überreaktion an. Mitte 1999 musste Allison gehen. O?Neal dagegen ging behutsamer vor. Schrittweise und Sparte für Sparte sparte er Jobs ein, soweit es ging, über Fluktuation.

Noch immer hat Merrill den Ruf, großzügiger zu wirtschaften als die Konkurrenz. "Der Vorstand steht unter Druck, bei den Ergebnissen eine Wende zu schaffen. Nichts ist da besser, als einen Kosten-Ritter einzusetzen", sagt Analystin Amy Butte von der Investment-Bank Bear Stearns.

Doch Sparen ist nur eine Sofort-Maßnahme. "Das ist keine ausreichende Basis, um ein großes Unternehmen zu führen", gestand O?Neal bei seiner Amtseinführung ein.

In seiner kurzen Zeit als Chef der Broker-Abteilung hat er mit Konsequenz die Zweiteilung der Kundenberatung vorangetrieben. Konteninhaber mit weniger als 100 000 Dollar werden in die Selbstbedienung via Internet dirigiert; dagegen gewinnt die persönliche Beratung der Reichen und Superreichen einen höheren Stellenwert. Dieser Bereich werde künftig schneller wachsen als jedes andere Segment, ist O?Neal überzeugt. Bei Merrill hält man ihn für einen Visionär.

Am Fließband von General Motors fing seine berufliche Laufbahn an

Den Beweis, dass er tatsächlich einer ist, liefert O?Neal mit seiner Vita. Aufgewachsen ist er auf einer kleinen Farm ohne fließendes Wasser in Wedowee im US-Bundesstaat Alabama. Seine Grundschule bestand aus einem einzigen Klassenraum mit Holzofen. Als einer der ersten Schwarzen besuchte O?Neal die neu integrierte West Fulton High School in Atlanta und arbeitete danach am gleichen Fließband wie sein Vater - im General-Motors-Werk von Doraville.

Das Zahlentalent nutze die firmeninterne Weiterbildung, schloss eine Ausbildung an der renommierten Harvard Business School ab und ging danach in die Finanz-Abteilung von General Motors. 1986 wechselte er an die Wall Street und begann seine Karriere bei Merrill Lynch im Handel mit Risiko-Anleihen. Innerhalb von fünf Jahren stieg er zum Leiter der Abteilung auf. Im Februar 2000 schließlich wurde er Chef des Broker-Geschäfts, eine Position, die bei Merrill als Sprungbrett für das Amt des Vorstandschefs gilt.

Seine - schwarze - Hautfarbe hat O?Neal selten zum Thema gemacht. Er hat allenfalls erwähnt, dass er Merrill Lynch wegen der aufgeschlossenen Unternehmenskultur schätzt. So waren es am Ende auch nur seine bisherigen Leistungen, weshalb O?Neal das Rennen um die Komansky-Nachfolge machte.

Er triumphiert deswegen nicht, sondern versucht, die eine oder andere Spitzenkraft zu halten, die selbst auf seinen Posten spekuliert hat.

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