Der 49-Jährige ist Vorstandschef von Nortel Networks
Das rabiate Ur-Gestein aus Kanada

Mit Frank Dunn als Chef ist Nortel an der Insolvenz vorbei geschrammt. Auch andere Netzausrüster spüren die Krise. Der Mobilfunkkongress Cannes soll bessere Zeiten bringen.

CANNES. Es klingt alles andere als schmeichelhaft, wenn Nortel-Mitarbeiter ihren Chef Frank Dunn beschreiben. Der Mann sei wortkarg und kontaktscheu, ruppig und aggressiv. "Seine soziale Kompetenz ist völlig unterentwickelt", sagt ein Manager, der unter Dunn gearbeitet hat. Er kann diesen Eigenschaften aber auch etwas Positives abgewinnen: "Dunn ist hart im Nehmen, er kann ganz rigoros die Dinge abhaken, die erledigt werden müssen, ohne Rücksicht zu nehmen." Damit ist Dunn derzeit der richtige Mann am richtigen Ort - in seinem Job darf er überhaupt nicht zimperlich sein.

Der 49-Jährige ist Vorstandsvorsitzender des kanadischen Telekom-Netzausrüsters Nortel Networks. Vor knapp eineinhalb Jahren hat er den Job übernommen - damals rutschte die Branche, und mit ihr Nortel, in die tiefste Krise ihrer Geschichte. Reihenweise kollabierten große Kunden wie Worldcom und Global Crossing, für die Netzausrüster wie Nortel die Telekomtechnik lieferten. Andere Kunden halbierten ihre Investitionsbudgets.

Im zweiten Quartal 2001 kam die Kernschmelze für Nortel: Das Unternehmen musste einen Rekord-Verlust von fast 20 Mrd. $ bekannt geben. Ein knallharter Sanierer war also gefragt. Im November des gleichen Jahres kam dann Dunn an die Konzernspitze, ein Nortel-Urgestein, das sein gesamtes Berufsleben bei dem kanadischen Unternehmen zugebracht hatte.

Vor harten Einschnitten hat er sich trotzdem nicht gescheut, im Gegenteil: Nortel ist nicht mehr das Unternehmen geblieben, das es einmal war: Knapp 100 000 Mitarbeiter hatte der Konzern Ende 2000, heute sind es etwa 37 000. Damit stiegen die Aussichten, die Krise tatsächlich auch überleben zu können. Ob die Kanadier aber wirklich schon ihr Überleben gesichert haben, das bezweifeln noch immer einige Analysten.

Für Dunn steht hingegen fest: "Nortel ist finanziell stabilisiert und kann wieder zuversichtlich in die Zukunft schauen." Für alle, die es nicht glauben, rattert er sogleich die Zahlen des abgelaufenen Quartals herunter. Die Bruttomarge sei auf knapp 40 % gestiegen. Etwas Vergleichbares finde man nicht in der Branche. Nortel habe Barreserven in Höhe von 4,5 Mrd. $ und damit mehr Bargeld als Schulden. Die Verbindlichkeiten seien um 700 Mill. $ gesunken.

Dunn taut sichtlich auf, wenn er über Zahlen spricht. Die Sätze werden länger und ausführlicher, die Stimme klingt noch etwas energischer. Zahlen sind seine Welt, bereits in der High-School war Mathematik eine seiner Stärken. Wirtschaftswissenschaft mit dem Schwerpunkt Finanzen war auch sein Studienfach. Und in Positionen, die mit Finanzen und Controlling zu tun hatten, hat Dunn sich auch bei Nortel hochgearbeitet. Gleich nach dem Studium heuerte er beim Konzern mit Sitz in Brampton in der Provinz Ontario an. Bevor er ganz an die Konzernspitze kam, war Dunn Finanzvorstand - in dieser Position hatte er auch die riskante Expansionspolitik seines Vorgängers mitgetragen.

Bei seinem Amtsantritt galt er daher nicht unbedingt als beste Lösung. Er hatte noch nie ein Unternehmen geleitet und mit Nortel-Kunden hatte er zuvor auch kaum zu tun. Technik war genausowenig sein Ding - und das in einem Konzern, dessen Zukunft davon abhängt, dass er bei neuen Technologien stets an vorderster Front mitmischt.

Dunn konnte dieses Manko aber bislang mehr als kompensieren - dank seiner Vorliebe für Zahlen, und vor allem dank seines überlebensgroßen Ehrgeizes.

Ein ehemaliger Nortel-Manager erinnert sich dabei vor allem an ein Ereignis vor etwa neun Jahren: Dunns Team war, ein Eishockey-Spiel zu verlieren. Bei einem Gerangel um den Puck habe Dunn seinen Gegner an die Bande geworfen und fast eine Schlägerei angefangen. "Ob in der Arbeit oder in der Freizeit: Dunn mag es nicht zu verlieren", heißt es über ihn in seiner unmittelbaren Umgebung.

So sprang er sogar über seinen Schatten und versuchte sich als Verkäufer: Regelmäßig flog der Nortel-Chef beispielweise zum britischen Mobilfunkkonzern MMO2 nach London, um von den Vorzügen der Nortel-Technik zu überzeugen - mit Erfolg. Nortel bekam den MMO2-Auftrag. Bei dem US-Telekomkonzern SBC war Dunn dagegen nicht ganz so erfolgreich. Trotz drei persönlicher Besuche entschied sich SBC für Lucent als Lieferanten. Eines ist auf jeden Fall sicher: Dunn wird noch eine Menge Vielflieger-Meilen anhäufen müssen, bevor er Nortel ganz über den Berg gebracht hat.

________________________________

VITA

Frank A. Dunn ist 49 Jahre alt. Er wurde in Kanada geboren. Auf der McGill Universität in Montreal studierte er Wirtschaftswissenschaften mit Finanzen als Schwerpunkt. Direkt nach seinem Studienabschluss beginnt er 1976 seine berufliche Laufbahn bei Nortel Networks. Dort arbeitet er sich hoch und bekommt immer mehr Verantwortung. Im Februar 1999 wird er schließlich Finanzvorstand bei Nortel und im November 2001 Chief Operating Officer und Präsident. Er löst John E. Roth ab, der auf Wachstum um jeden Preis setzte und sich dabei heftig verkalkulierte. Dem Wechsel an der Nortel-Spitze ist eine lange Suche vorausgegangen. Dunn hat dem kanadischen Telekomausrüster inzwischen eine neue Struktur gegeben und einige Tausend Arbeitsplätze gestrichen, um die Kosten an die gesunkene Nachfrage anzupassen. Ende dieses Jahres will Nortel wieder die operative Gewinnschwelle erreichen. Dunn ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%