Der 50-Jährige ist Computer- und Unterhaltungselektronikchef von Samsung
Dae-Je Chin: Der chaotische Antreiber

Er gilt als der kommende Mann beim koreanischen Elektronikriesen. Die Energie und die Visionen dazu hat Dae-Je Chin auf jeden Fall - das Selbstvertrauen auch.

Der Mann ist vernarrt in Technik. Vier Bildschirme und drei Computer füllen den riesigen Schreibtisch in seinem Büro auf dem Firmengelände von Samsung Electronics in Suwon, eine gute Autostunde von Seoul entfernt. Und wenn Dae-Je Chin über sein Lieblingsthema, die digitale Konvergenz, spricht, springt er schon mal mitten im Interview aus seinem Ledersessel auf und sprintet zu seinem Schreibtisch, um sein neustes Spielzeug zu präsentieren. Mit dem Lächeln eines Teenagers, der weiß, dass er seine Kameraden gleich mit dem letzten Technikschrei neidisch macht, zieht er eine Antenne aus dem Laptop und triumphiert: ein Mobiltelefon im Computer.

Unter Insidern gilt der 50-jährige Chef der Sparte Computer- und Unterhaltungselektronik als der kommende Mann in Südkoreas wichtigstem Unternehmen. Und das kommt nicht von ungefähr: Der drahtige, klein gewachsene Chin weiß, dass er viel erreicht hat, er spricht auch gerne darüber, und er will noch mehr. Seit er Mitte der achtziger Jahre von IBM in den USA zu Samsung wechselte, hat er mitgeholfen, die Halbleitersparte zum Erfolg zu führen, wie er selbst gerne betont. Dann hat er sich vor fast drei Jahren die verlustreiche Elektroniksparte Digital Media vorgenommen. Mittlerweile schreibt auch diese schwarze Zahlen.

"Als ich IBM verlassen habe, hatte ich den Traum, eine Nummer eins im Speichergeschäft mit zu gestalten. Das ist schon vor langer Zeit geschehen", erzählt der verheiratete Vater von drei Kindern und fügt hinzu: "Aber es gibt immer wieder Träume." Einer davon ist kein geringerer, als Samsung Electronics zum Spitzenunternehmen weltweit in allen seinen Branchen zu machen. Und Chin drückt auf die Tube. "Samsung braucht noch viele Transformationsschritte in der Zukunft", findet er. So gebe es im Konzern noch keine Weltklasse-Marketingleute.

Chin spricht gerne über das, was noch zu tun ist. Seine Vorbilder sucht er sich im Ausland: Namen wie IBM, Dell, Sony fallen immer wieder, wenn er über Samsung spricht. Er sieht sich auf Augenhöhe etwa mit Hewlett-Packard-Chefin Carly Fiorina. Und Design-Ideen holt er sich von deutschen Autobauern.

"Lerne jeden Tag, erfrische dich je-den Tag aufs Neue!" ist das Motto des promovierten Elektro-Ingenieurs. Chin ist energiegeladen, wirkt aber gleichzeitig entspannt. Er lacht gerne über seine eigenen Bemerkungen und wird im Gespräch gerne herausgefordert. Sein Enthusiasmus, sein schier grenzenloser Optimismus, der wieselflinke Intellekt und die Art, wie er von einem Thema zum anderen springt und die Räume für sein Gegenüber eng macht, ähneln dem Erfolgsrezept der südkoreanischen Fußballnationalelf. Kein Zögern, kein falscher Respekt, keine falsche Bescheidenheit. Als er seine heutige Sparte übernahm, schickte er Michael Dell einfach das neueste Samsung-Notebook in die USA - und legte so den Grundstein für eine Vertriebskooperation mit Dell.

Tempo und Wendigkeit gehören zu Chins Erfolgsrezept. "Meine Rolle ist es, die Leute um mich herum dazu zu bringen, sich zu ändern, ihre Ideen zu ändern. Ich trete den Leuten die ganze Zeit in den Hintern." Samsung-Konzernchef Jong-Yong Yun glaubt, dass jedes Unternehmen einen "Chaos-Macher" braucht. Er muss an Chin gedacht haben, den ruhelosen Geist des Konzerns mit mehr als 24 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Er verkörpert den radikalen Wandel Samsungs: vom Teil eines angeschlagenen Konglomerats zum asiatischen Vorzeigeunternehmen. So entsteht schnell das Klischee eines ganz amerikanisch geprägten Managers. Aber wie Samsung Electronics sich Reste des Traditionskonzerns bewahrt hat, schlägt auch Chins Managerherz trotz seines lockeren Auftretens noch koreanisch. So stellt für ihn Samsung-Chairman Kun-Hee Lee das Managementideal schlechthin dar. "Seine ganze Art und sein Niveau zu denken, sind anders. Lee ist hier oben", sagt er - und höher könnte er seine Hand in diesem Moment nicht heben. Aber diese Verehrung tut seinem Ehrgeiz keinen Abbruch. Auf dem Firmengelände will Chin mit den Gewinnen seiner Sparte ein Gebäude hochziehen lassen, zwei Etagen höher als der Forschungsturm der Telekom-Abteilung. "Das wird ein gutes Zeichen dafür sein, was ich in diesem Jahr geleistet habe", meint er und lacht selbstbewusst.

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VITA

Geboren am 20. Januar 1952, studiert Dae-Je Chin an der prestigeträchtigen Seoul National University Elektrotechnik und macht dort seinen Master-Abschluss ebenso wie an der Universität von Massachusetts. Seine Doktorwürde erwirbt er an der US-Elitehochschule Stanford. Mit 32 Jahren startet Chin als Forscher in den USA im Watson Research Center von IBM. 1985 wechselt er zum Samsung-Konzern und kehrt nach Südkorea zurück. Er steigt schnell vom Projektleiter über den Posten des General Managers bis ins Top-Management auf. 1997 wird er Chief Executive Officer (CEO) und Executive Vice President des Systemchip-Geschäfts. Anfang des Jahres 2000 schließlich schafft er den Sprung in den Kreis der fünf wichtigsten Manager des Konzerns: Er übernimmt als CEO die Sparte Computer und Unterhaltungselektronik.

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