Der 51-Jährige ist Chef des US-Energiehändlers Dynegy
Chuck Watson: Der Pionier der Energie-Deregulierung

Lange Zeit stand Watson im Schatten von Kenneth Lay, dem Chef des Energiekonzerns Enron. Doch schon bald will Dynegy den größeren Konkurrenten übernehmen.

Die Hauptrolle hat er jahrelang seinem Konkurrenten überlassen. Kaum jemand kannte Chuck Watson, den Vorstandsvorsitzenden des Energiehändlers Dynegy aus Houston in Texas. Stattdessen stand stets der Chef des größten US-Energiehändlers Enron, Kenneth Lay, mit seinen gewagten Investitionen im Rampenlicht.

Doch jetzt ist Watson an der Reihe. Der 51-Jährige will den fast vier Mal so großen Gegenspieler Enron für einen Spottpreis von rund neun Milliarden Dollar in Aktien übernehmen. Enron, einst umjubelter Liebling der Analysten, steht inzwischen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Erst diese Woche wurden neue Schulden von mehr als einer Milliarde Mark bekannt. Der Aktienkurs hat innerhalb eines Jahres mehr als 90 Prozent eingebüßt.

Aber noch ist der Enron-Coup nicht unter Dach und Fach. Wenn die Probleme von Enron noch größer ausfallen als bisher bekannt, könnte Watson sogar noch Abstand von dem Deal nehmen oder neu verhandeln.

Heute klingt fast prophetisch, was der kräftige, in Illinois geborene Watson mit dem sauberen Seitenscheitel erst Mitte Oktober über seine Branche sagte: "Einige Unternehmen werden ins Gras beißen, wenn sich die wahren Sieger aus der sich konsolidierenden Energie-Industrie herausbilden." Das war nur einen Tag bevor Enron zum ersten Mal seit vier Jahren einen Quartalsverlust vorlegte. Ob Watson da schon an seinen Konkurrenten dachte, der in Houston nur wenige Häuserblöcke entfernt residiert?

Elitäres Getue ist nicht sein Ding

Der vermeintliche Prophet gibt sich bescheiden. "Ich will den Leuten nicht sagen, dass wir die Besten sind. Ich möchte aber, dass sie uns sagen, dass wir die Besten sind", erläuterte er auf einer Konferenz im vornehmen New Yorker Waldorf-Astoria-Hotel, auf der er die Investoren von der Enron-Übernahme überzeugen wollte.

"Wir sind nicht anmaßend", fügte er hinzu, während Enron-Chef Lay unbehaglich auf seinem Stuhl hin- und herrutschte und ein verkrampftes Lächeln aufsetzte. Watson hat versprochen, nach der Übernahme nicht das elitäre Verhalten an den Tag zu legen, das anscheinend seinen Konkurrenten auszeichnet. So ist auf einem Schild in der Enron-Eingangshalle zu lesen: "Weltbestes Unternehmen."

Watson gilt wie Rivale Lay als Pionier der Energie-Deregulierung, die in den USA schon vor zwei Jahrzehnten begonnen hat. Er kam 1985 vom US-Ölkonzern Conoco als Präsident zu Natural Gas Clearinghouse (NGC), dem Vorgänger von Dynegy. Damals war das Unternehmen gerade ein Jahr alt und steckte schon tief in der Krise.

Seine Vorsicht zahlte sich aus

Er meisterte die schwierige Situation, kaufte kräftig zu und verwandelte so die kleine Energieagentur mit nur elf Angestellten in einen Konzern für Energie-Erzeugung und-handel mit heute 6 000 Mitarbeitern und mehr als 29 Milliarden Dollar Umsatz.

Der studierte Wirtschaftsfachmann konnte auf die finanzielle Unterstützung der Investment-Bank Morgan Stanley zählen. Sie stieg damals in das Unternehmen ein, um es zu restrukturieren. Damals erkannte Watson, wie wichtig ein starker Partner in dem risikoreichen Geschäft ist.

Der Dynegy-Chef, ein begeisterter Hockeyfan, war stets vorsichtiger als sein Konkurrent von Enron. Während Lay seinen Konzern vom Betreiber von Erdgasleitungen zum fast reinen Energiehändler umkrempelte, ging Watson den umgekehrten Weg: Er wollte nicht nur mit Energie handeln, sondern sie auch produzieren.

Auch bei der Rechnungslegung lässt Watson größere Vorsicht walten als Lay - inzwischen. Als er einmal seine Gewinnprognose nicht halten konnte, fiel die Presse über ihn her. Seitdem bilanziert er konservativer. Dadurch hat er nach Ansicht von Beobachtern viele Fehler von Enron vermieden.


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V I T A

Chuck Watson wurde vor 51 Jahren im US-Bundesstaat Illinois geboren. Nach dem Wirtschaftsstudium an der Oklahoma State University kommt er 1972 zum Ölkonzern Conoco. 1985 wechselt er als Präsident zum Energiehändler und Dynegy-Vorgänger Natural Gas Clearinghouse (NGC). Vier Jahre später steigt Watson zum Vorstandschef der NGC auf, die 1997 ihren Namen in Dynegy ändert.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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