Der 53-Jährige ist Vorstandschef der Stinnes AG
Wulf Bernotat: Quirliger Quereinsteiger

Ende 1998 war Stinnes ein Unternehmen wie aus dem Ahnenbuch der Ruhrbarone. Der frühere Shell-Manager Bernotat hat daraus in drei Jahren einen modernen Logistikkonzern gemacht.

Diesen Anruf wird Wulf Bernotat sein Lebtag nicht vergessen. "Morgens um halb acht", erinnert er sich, klingelte das Telefon. "Ob ich mir theoretisch vorstellen könne, Stinnes-Chef zu werden?" will die Stimme am anderen Ende der Leitung wissen.

Bernotat ist völlig überrascht. Der Posten in Mülheim war erst ein halbes Jahr zuvor vergeben worden. Zudem laufen die Vorbereitungen für den Börsengang der 1808 vom Industriellen Mathias Stinnes gegründeten Traditionsfirma auf Hochtouren.

In dieser Phase den Mannschaftskapitän auszutauschen erscheint Fußballfan Bernotat (Borussia Dortmund) verdammt riskant. Doch abends um halb acht meldet sich der Anrufer erneut und will "von mir die konkrete Zusage, dass ich den Job annehme".

Zwölf Stunden - mehr Bedenkzeit gewährt man ihm nicht. Kurz entschlossen sagt Bernotat Ja. Zwei Jahre nachdem er in den Vorstand der Konzernschwester Veba Oel AG berufen worden ist, steigt er am 15. November 1998 zum Stinnes-Chef auf.

Bereut hat der heute 53-Jährige diesen Schritt nicht. Bernotat hat, wie ein Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat lobt, "den schwierigen Börsengang exzellent gemeistert". Er hat sich von unrentablen Aktivitäten wie dem Reifendienst oder den Baumärkten getrennt und im Gegenzug das Profil von Stinnes als moderner Logistikdienstleister geschärft.

Die Analysten, die zunächst skeptisch waren ("zu breit aufgestellt", "zu wenig fokussiert"), empfehlen die Stinnes-Aktie inzwischen mehrheitlich zum Kauf. Was sicher auch eine Folge von Bernotats persönlichem Einsatz ist. Ein Fünftel seiner Arbeitszeit verbringt der Stinnes-Chef mit der Pflege der in- und ausländischen Investoren.

Ende 1998, bei seinem Amtsantritt, traf Bernotat auf ein Unternehmen wie aus dem Ahnenbuch der Ruhrbarone: nach Gutsherrenart geführt, voll skurriler Privilegien. Der Internationalist, der für den Ölmulti Shell einst die halbe Welt bereiste und fünf Sprachen spricht, macht sich an die Arbeit.

Als Erstes bittet Bernotat die Pförtner, nicht mehr den Lift zu holen, sobald der 7er BMW des Chefs vorfährt. Dann erfindet er den Mittagstisch, eine gemeinsame Mahlzeit mit einer Hand voll Leuten aller Hierarchieebenen im Haus. "Ich will ein Feedback der Basis auf das, was wir im Elfenbeinturm entscheiden." Das regelmäßige Treffen der Führungskräfte im Wiesbadener Edelrestaurant "Ente" und Titel wie "Generalbevollmächtigter" oder "Direktor" schafft er dagegen ab. Man spricht jetzt auf Meetings Englisch und duzt sich. Schließlich erklärt er den Freitag zum "casual day bei Stinnes". Alle Mitarbeiter der Holding dürfen seitdem die Krawatte im Schrank lassen. Als Vorbild erscheint Zigarillo-Raucher Bernotat freitags selbst im Rollkragen-Pullover zum Dienst - "sofern ich keinen Termin habe".

Auch wenn sich lang gediente Mitarbeiter bei Stinnes nur schwer mit dem "neumodischen Kram" anfreuden können, so sind sie doch von Bernotats Willen zur Veränderung beeindruckt. Der Branchenneuling habe sich "sehr schnell" in die neue Materie eingearbeitet und dann "die Weichen richtig gestellt", heißt es anerkennend.

Seit dem Börsengang im Juni 1999 ist Stinnes ganz auf sich allein gestellt. Vom Mehrheitsaktionär Eon, sagt Bernotat, "haben wir seit drei Jahren keine Mark mehr für Investitionen bekommen". Trotzdem wollen die neuen Aktionäre Performance sehen.

Und natürlich verläuft der Umbau bei Stinnes nicht reibungslos. Aber Bernotat, der bisweilen etwas kühl und emotionslos wirkt, lasse auch bei Konflikten nicht den Chef raushängen, sagt ein Betriebsrat. Er bemühe sich um ein "partnerschaftliches Verhältnis, vermeidet aber das Kumpelhafte".

Schon bald aber könnte es mit der Harmonie in Mülheim vorbei sein. Eon konzentriert sich ganz auf Energie und wird wohl noch in diesem Jahr weitere Stinnes-Anteile (derzeit 65,5 Prozent) verkaufen. Ob an der Börse, an einen Finanzinvestor oder an einen ausländischen Logistikkonzern ist offen - Hauptsache, der Preis stimmt.

Bernotat sagt zu diesem heiklen Thema nichts. Das sei allein Sache des Shareholders. Doch eine "gewisse Unsicherheit" bei Mitarbeitern und Kunden verhehlt er nicht. In seinem Umfeld heißt es, der Stinnes-Chef selbst würde eine Zweitplatzierung an der Börse bevorzugen.

Gewiss, sein Job wäre in Gefahr, sollte Stinnes bei einem ausländischen Branchenriesen landen. Gleichwohl: Um seine eigene Zukunft braucht Bernotat sich nicht zu sorgen. Zählt er doch zu den möglichen Kronprinzen von Eon-Chef Ulrich Hartmann, der ihn 1996 von Shell holte und im Mai 2003 abtreten wird.

Vielleicht erhält Bernotat in einem Jahr wieder einen Anruf ...

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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