Der 53-Jährige soll Linde-Chef werden
Wolfgang Reitzle: Der ausgebremste Autofanatiker

Der Deutsche fühlt sich vom US-Konzern Ford ausgebremst: Jetzt will der frühere BMW-Vorstand Reitzle auf den Chefposten beim Anlagenbauer Linde wechseln.

DÜSSELDORF. Wolfgang Reitzle ist bitter enttäuscht. Mit großen Visionen ist er vor drei Jahren in der Ford-Luxussparte PAG (Premier Automotive Group) angetreten. Aus dem Geflecht von Marken wie Lincoln, Jaguar und Volvo sollte er einen ernsthaften Konkurrenten zu etablierten Premiumherstellern wie BMW und Mercedes formen. Reitzle war klar, dass er mindestens zehn Jahre für diesen Job brauchen würde. "Ich stelle mich für den Rest meines Berufslebens darauf ein, für Ford und die PAG tätig zu sein", sagte der heute 53-Jährige vor zwei Jahren in einem Interview.

Daraus wird nun nichts. Nach gerade mal drei Jahren im Ford-Konzern und bei der PAG lockt Reitzle nun der Chefposten beim Wiesbadener Anlagenbauer Linde. Reitzle fühlt sich vom bisherigen Arbeitgeber blockiert, behindert, ausgebremst. Von den Visionen ist nicht mehr viel geblieben. Weil Ford im vergangenen Jahr Milliardenverluste geschrieben hat, muss im gesamten Unternehmen - und damit auch in der PAG mit Sitz in London - gespart werden. Für die Arbeit an neuen Autos fehlt das Geld, zuletzt wurde Reitzle das Entwicklungsbudget der US-Marke Lincoln um zwei Drittel zusammengestrichen.

"Die PAG ist intern im Konzern zerrieben worden", erzählt ein Reitzle-Kollege Von Anfang an sei die Luxussparte nur ein "zahnloser Tiger" gewesen. Der deutsche Automanager habe bei Ford nicht die nötige Hausmacht besessen. Erst Anfang 1999 war Reitzle von BMW zu dem US-Konzern gewechselt. Beobachter rechnen damit, dass mit dem Ausscheiden Reitzles auch das Ende der PAG näher rückt. Die einzelnen Marken würden wieder komplett in die Ford-Struktur integriert, der Traum von der Luxussparte sei schon nach wenigen Jahren zerplatzt.

Wolfgang Reitzle arbeitet an einer neuen Vision, die Linde heißt. Offiziell ist der Wechsel zum Wiesbadener Anlagenbauer zwar noch nicht bestätigt worden, doch hinter den Kulissen zweifelt niemand mehr an der neuerlichen beruflichen Veränderung des süddeutschen Autoingenieurs.

Die Berufung auf den Vorstandsposten bei Linde kommt nicht vollends überraschend. Reitzle hatte schon länger Kontakte zu dem Konzern, denn schon vor dem Wechsel von BMW zu Ford war ihm der Chefposten avisiert worden. Doch erst jetzt greift Reitzle zu. Die Frustration bei Ford war wohl so groß, dass er bereit ist, nach einem Vierteljahrhundert Abschied von der Automobilindustrie zu nehmen.

Bei Linde wird ihm niemand mehr massiv in die Geschäftspolitik hineinreden können, als künftiger erster Mann hat er dort unumstritten das Sagen. Dafür nimmt Reitzle es in Kauf, dass er sich von seinen geliebten Autos trennen muss. Dieser Abschied fällt ihm schwer - schon als Kind war er fasziniert von Blech und Motoren.

Allerdings ist es auch eine Genugtuung für ihn, endlich einmal den Chefposten in einem Unternehmen zu bekommen. "Als Nummer zwei wäre er sicherlich nicht zu Linde gewechselt", erzählt ein alter Bekannter. Häufig genug war er bei anderen Unternehmen als Vorstandsvorsitzender im Gespräch, doch ganz hatte es dafür nie gereicht. Bei BMW stand er 1999 kurz vor der Berufung auf die Top-Position. Doch die Arbeitnehmerseite stellte sich damals quer, Reitzle verließ enttäuscht das Unternehmen und wechselte zu Ford - nach 23 langen Jahren bei den Münchenern.

Reitzle hatte das Angebot, für Ford in die Konzernzentrale in die USA zu wechseln. Doch das wäre für ihn nicht in Frage gekommen, das langweilige Leben in Detroit, einer Provinzstadt in den USA, die nur wegen ihrer Autos bekannt ist. Der deutsche Automanager braucht viel mehr: Er stellt hohe Ansprüche an sein Umfeld, mit spartanischen Lösungen gibt er sich nicht zufrieden.

Deshalb ist es kein Zufall, dass er erst vor kurzem ein Buch über Luxus veröffentlicht hat. Tenor: "Luxusprodukte sind der Schrittmacher der Volkswirtschaft". Bei Linde wird er sich allerdings mit weniger spektakulären Dingen anfreunden müssen. Dort gehören der Anlagenbau, Industriegase und Gabelstapler zum Alltag - von Luxus keine Spur. Dafür rückt er wieder näher an seine Ehefrau heran, die Fernsehjournalistin Nina Ruge. Und damit steigt auch das Risiko, sich schnell in den Schlagzeilen der deutschen Boulevard-Presse wiederzufinden.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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