Der 54-Jährige ist Chef der Vogt Electronic AG
Reinhard Schülein: Ganz auf Wachstum gepolt

Schüleins Ziel ist es, den Umsatz des Elektronik-Konzerns alle drei Jahre zu verdoppeln. Bislang ist ihm das stets gelungen, wenngleich Vogt die aktuelle Flaute spürt.

Reinhard Schülein redet nicht lange um den heißen Brei herum: "Entlassungen sind die schwierigste Aufgabe, die es gibt." Seit vergangenem Frühjahr muss sich der Chef der Vogt Electronic AG der Herausforderung stellen - "das geht an die Psyche" - und hat 1 000 Jobs gestrichen. Jetzt stehen noch 5 200 Mitarbeiter auf der Lohnliste.

Den 54-Jährigen muss es schmerzen, einen Schritt zurückzutreten, bereits erreichte Größe wieder abzugeben. Denn nichts ist dem Manager wichtiger als Wachstum: "Alle drei Jahre muss sich der Umsatz verdoppeln", lautet sein Motto, "sonst werden wir erdrückt."

Seit Schülein vor zehn Jahren in den Vorstand des bayerischen Mittelständlers aufgerückt ist, hat er dieses Ziel mehr als erreicht. Zum Amtsantritt flossen lediglich 60 Millionen Euro in die Kassen, im Geschäftsjahr 2000/2001 (30. September) lag der Umsatz bei mehr als 700 Millionen Euro.

Schülein ist stolz darauf, dass der Hersteller elektronischer Bauteile damit der größte Arbeitgeber im Landkreis Passau ist. Dass der Gewinn mit dem Umsatzwachstum nicht mithalten konnte, stört den gebürtigen Franken wenig. Im vergangenen Jahr lag der Profit bei mageren 3 Millionen Euro. Wie der Rest der Branche bekam die seit 1986 börsennotierte Vogt Electronic AG die Wirtschaftskrise und die Flaute in der Informationstechnologie zu spüren. Von mehr als 35 Euro stürzte die Stamm-Aktie zeitweise auf 15 Euro. 1996 sei er schon einmal zurückgeworfen worden, erinnert sich Schülein, wurde eine zukunftsweisende Dekoder-Technik zur Satelliten-Übertragung von Internet-Daten zum Flop.

Das Vertrauen der Mitarbeiter ist Schülein wichtig

Diese schwierige Phase vermochte Schülein dank eines genügsamen Großaktionärs - die Gründerfamilie hält 75 Prozent der Stammaktien - ohne Schaden zu überstehen. Siegreich war der Vater von drei erwachsenen Kindern auch in der Auseinandersetzung mit der IG Metall. Gegen den Willen der Gewerkschafter hat der frühere Zeitsoldat den Arbeitgeberverband verlassen, um den Fesseln des Tarifvertrags zu entfliehen.

Trotz sechs Jahren bei der Bundeswehr ist Schülein kein Chef, der bedingungslosen Gehorsam fordert. Im Gegenteil. Der Manager weiß, dass er seine Leute im abgelegenen Örtchen Obernzell nur halten kann, wenn er sie ordentlich behandelt und bezahlt. "Ich muss nicht alles selbst machen", betont er, "und Vertrauen in die Mitarbeiter ist mir wichtig".

Konkret: "Bis 22 Uhr im Büro zu sitzen bringt nichts, ich will auch Zeit für die Familie haben." Deshalb sieht man den Manager öfters abends im Sportstudio. Regelmäßig koppelt sich Schülein ganz vom Geschäftsalltag ab und fährt mit dem eigenen Wohnmobil durch Europa, "weil ich was sehen möchte". Die letzte Reise ging entlang der Ostseeküste. Hotels, daran lässt der sportbegeisterte Mann keinen Zweifel, meidet er so oft es geht.

Ganz ohne die Übernachtung in fremden Betten geht es allerdings nicht, hat Schülein in den vergangenen Jahren doch Fabriken auf der ganzen Welt aufgebaut. Selbst in China und Mexiko produzieren die Bayern inzwischen ihre Bauelemente. Drei Tage die Woche verbringt der Vorstandschef deshalb inzwischen außerhalb der bayerischen Provinz.

Arbeiten, wo andere Urlaub machen

"Ich hätte schon gerne einen etwas zentraler gelegenen Firmensitz gehabt", erinnert sich der Diplom-Ingenieur an die Planungen für den Neubau der Verwaltung. Letztlich sei das Unternehmen dann aber doch in der Nähe der an der Donau gelegenen Fabrikhallen geblieben.

"Wir arbeiten dort, wo andere Urlaub machen", findet Schülein viele gute Seiten an der Grenzregion zu Österreich. Vor allem samstags genießt es der Hobbyskifahrer, "um acht Uhr daheim abzufahren, um zehn Uhr im Salzburger Land am Lift zu sein und bequem abends wieder zurückfahren zu können".

Sein betriebswirtschaftliches Wissen hat sich der Techniker in den vergangenen Jahren mühevoll selbst angeeignet. Mit Zahlen umgehen konnte er freilich schon immer.

Deshalb ist für Schülein die Rechnung für die kommenden Jahre völlig klar: "Im nächsten Jahr wollen wir eine Milliarde Euro Umsatz erzielen, in fünf Jahren zweieinhalb Milliarden."

Wie das gehen soll? Ganz einfach: "Wir werden weiter Firmen kaufen und Allianzen eingehen."

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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