Der 54-Jährige ist neuer Grundig-Chef
Hans-Peter Kohlhammer: Der Spezialist für schwierige Fälle

Hans-Peter Kohlhammer soll Grundig aus der Krise führen. In der Verbindung von Telekommunikation und Internet sieht er die Zukunft für den traditionsreichen Fernsehgeräte-Hersteller.

NÜRNBERG. Als Taumjob würde wohl niemand den des Vorstandsvorsitzenden bei Grundig bezeichnen. Zum wiederholten Mal ist der Hersteller von Fernsehgeräten, Satellitentechnik und Autoradios ein akuter Sanierungsfall. Doch Hans-Peter Kohlhammer, der Grundig fortan führen soll, hat ein Faible für Aufgaben, die im Manager-Jargon euphemistisch "Herausforderung" genannt werden. Bequeme Chefsessel fände der quirlige 54-Jährige vermutlich sterbenslangweilig.

Mit seinen lebhaften dunklen Augen schaut der fast zierlich wirkende Manager bei Grundig weiter als bis zur nächsten Fabrikschließung in Nürnberg. Für ihn hat die Unterhaltungselektronik durchaus eine Zukunft, sogar in ganz neuen Dimensionen, sagt Kohlhammer, wenn man mit ihm über Wachstumsmärkte spricht.

Software als wichtigster Bestandtel der künftigen Fernsehgeräte-Generationen

In der Verbindung mit Telekommunikation und Internet sieht er die Perspektive für das gute alte Fernsehgerät. Nicht die Bildröhre, sondern Software werde dessen wichtigster Bestandteil sein. "Home-Infotainment" nennt er den neuen Markt. "Für den Fernseher ist die Digitalisierung ein Quantensprung, wie der von schwarz-weiß auf Farbe", sagte er einmal. Demnach ist der ideale Fernseher ein Gerät in formschönem Design, das neben Fernsehprogrammen einen Internet-Zugang bietet und zudem als Spielekonsole taugt.

Hochwertig, innovativ, nicht nur Massenmarkt - die Schlagworte zeigen, wo Kohlhammer seine Erfahrungen in der Unterhaltungselektronik sammelte: Bei Loewe, dem strahlenden Sieger einer Branche, die unter Preisdruck, niedrigem Euro und Marktsättigung leidet. Dort war der promovierte Physiker und Mathematiker 1991 bis 1994 Geschäftsführer. Zuvor war er acht Jahre lang für Digital Equipment tätig gewesen.

1994 wechselte er in die Branche, die er nun mit dem Fernseher in Verbindung bringen will: in die Telekommunikation. Für Thyssen baute er die Thyssen Telecom AG auf - und machte dort auch die Erfahrung, wie es sich anfühlt, plötzlich mit einem radikalen Strategiewechsel eines Großkonzerns konfrontiert zu sein. Es sei, wie auf der Zielgeraden des Marathons ausgebremst zu werden, sagte er damals, 1998, als Thyssen sich entschied, die Festnetzgesellschaft an die britische Esprit Telecom zu verkaufen.

Mitarbeiter entscheiden über Erfolg und Misserfolg

Damals hätte Kohlhammer bei Thyssen bleiben können, auf einer gut dotierten, bequemen Managerstelle in der Old Economy. Doch er entschied sich für den, wie er sagt, interessanteren Weg und wurde Esprit-Manager in London. Anschließend, nachdem die Global Telesystems Group (GTS) aus den USA wiederum Esprit geschluckt hatte, jettete er für GTS durch Europa. Im vergangenen Jahr machte er sich mit seiner Beratungsfirma Hanse Venture Services selbstständig. Nur schwer konnte er damals verbergen, wie genervt er von den GTS-Fernlenkern in Amerika war, die nicht begreifen wollten, dass es einen kulturell einheitlichen EU-Markt für einheitliche Telekom-Produkte einfach nicht gibt.

Auf Verbandsabenden des Telekom-Wettbewerber-Verbandes VATM, dessen Präsident er während seiner Thyssen-Zeit war, vertrat Kohlhammer stets die Überzeugung, dass es die Mitarbeiter sind, die in einer innovativen Branche über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Und dass jeder Unternehmenschef gut daran tue, auf die Leute vor Ort zu hören, die ihren Markt auf jeden Fall besser kennen als die Person an der Spitze.

Daher dürfte ihm in seinem neuen Amt bei Grundig einiges daran liegen, die Konfrontation zwischen Vorstand und Betriebsrat so schnell wie möglich zu entschärfen.

Ein Mann, mit dem man reden kann

"Er ist auf jeden Fall ein Mann, mit dem man reden kann", sagen ehemalige Mitarbeiter. Doch angesichts der schwierigen Lage, in der sich Grundig befindet, wird er kaum um die von kreditgebenden Banken geforderten Entlassungen herumkommen, die 900 Beschäftigte ihren Job kosten werden.

Als selbstständiger Berater stellte sich Kohlhammer im vergangenen Jahr Telekom-Unternehmen auch als Übergangs-Manager zur Verfügung, etwa der Broadnet GmbH, die nach dem Rückzug des Gründers neue Strukturen und ein neues Management finden musste.

Dass Kohlhammer jetzt sozusagen zu seinen Wurzeln zurückkehrt, ist auch ein Freundschaftsdienst. Mit dem Mehrheitsaktionär von Grundig, dem Satelliten-Antennenbauer Anton Kathrein, 49, ist Kohlhammer seit langem befreundet.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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