Der 55-Jährige ist Chef von American Airlines
Donald Carty: Mister Freundlich lächelt nicht mehr

Erst die Anschläge vom 11. September, jetzt der Absturz über Queens: Kann der 55-jährige Kanadier American Airlines, die größte Fluggesellschaft der Welt, noch retten?

"Für diese Situation gibt es kein Skript, auf das man zurückgreifen kann", hatte Donald Carty über die verheerende Lage der Fluggesellschaften bereits nach dem 11. September gesagt. Zwei der vier entführten Flugzeuge bei den Terroranschlägen waren Maschinen von American Airlines. Eine stürzte in das World Trade Center, das andere in das Pentagon.

Nach dem Absturz des Airbus A 300 von American Airlines über dem New Yorker Stadtteil Queens an diesem Montag dürfte dem Vorstandsvorsitzenden der größten Fluggesellschaft der Welt die Suche nach einem Ausweg aus der existenzbedrohenden Krise noch schwerer fallen.

Das Lächeln ist dem als "Mister Freundlich" bekannten Manager gründlich vergangen. Seit seinem Antritt als Chef von American Airlines Mitte 1998 hatte sich Carty um nettere Umgangsformen bemüht, zwischen dem Management und den einfachen Angestellten, aber auch gegenüber den Passagieren.

Unter seiner Führung hat die Airline, die jahrelang für ihren schlechten Service berüchtigt war, nicht nur wieder die Oliven auf dem Salat platziert, die zuvor Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen waren, sondern auch den Raum zwischen den Sitzreihen erweitert und damit - zumindest in den eigenen Werbespots - sogar erwachsene Männer zum Weinen gebracht.

Hohes Ansehen bei Marktbeobachtern

Nach dem jüngsten Unglück musste der American-Airlines-Chef dagegen echte Tränen trocknen. Der smarte, schlanke Mann mit den weißen Haaren reiste sofort zum Unfallort, um den Angehörigen der 260 Opfer Trost zu spenden.

Seit der gebürtige Kanadier von seinem legendären Vorgänger Robert Crandall - Spitzname "Fang", der Reißzahn - ausgesucht und vor mehr als drei Jahren zum Chef der Airline und deren Muttergesellschaft AMR Corp gekürt wurde, haben ihm Marktbeobachter Beifall gezollt.

Zum einen wurde der Wandel zu mehr Freundlichkeit begrüßt. Zum anderen gilt der 55-Jährige als zäher Unterhändler. Vor allem bei Treffen mit Vertretern der Gewerkschaften: Als klares Zeichen seines Durchhaltevermögens soll Carty schon mal bei Sitzungsbeginn seine Zahnbürste auf den Tisch legen.

Dass er sich dennoch gut stellen muss mit den mächtigen Gewerkschaften, lernte Carty ein Jahr nach seinem Antritt. Als AMR die kleine Fluggesellschaft Reno Air übernahm, meldeten sich die American-Piloten massenhaft krank, 7 000 Flüge wurden gecancelt. American hat der inoffizielle Streik damals mehr als 200 Millionen Dollar gekostet. Die Gewerkschaft musste später 45 Millionen Dollar Strafe zahlen. "Die haben uns einfach nicht geglaubt, die dachten, wir finden schon irgendeinen Weg, um sie reinzulegen", sagt Carty rückblickend über die Beziehungen zu den Piloten.

Carty steht vor einer wahren Herkules-Aufgabe

Bei der Übernahme des fast bankrotten US-Konkurrenten TWA im Januar dieses Jahres ging Carty daher behutsamer vor. Die Arbeitnehmervertreter standen größtenteils hinter ihm. Allerdings steuerte zu dem Zeitpunkt bereits die gesamte Industrie auf die Krise zu. Und so machte American schon im ersten Halbjahr hohe Verluste.

Der drahtige Manager, der als eines von sechs Kindern davon träumte, ein Hockeystar zu werden, muss nun eine wahre Herkules-Aufgabe meistern: Pro Tag verliert American derzeit 10 bis 15 Millionen Dollar. Carty muss die Kunden von der Sicherheit des Fliegens allgemein und insbesondere mit Maschinen von American überzeugen. Er muss mit den 20 000 Entlassungen im eigenen Unternehmen fertig werden und erfolgreich die Verhandlungen mit der US-Regierung führen, um möglichst viele Staatshilfen für seine Not leidende Airline herauszuholen.

Zwar gibt es noch keine Anzeichen, dass Carty wie sein Kollege James Goodwin von United Airlines zurücktreten muss. Aber er steht vor einem extrem harten Test. Und an den Oliven auf dem Salat kann er nicht mehr sparen. Auf den meisten Flügen hat American Airlines die Mahlzeiten bereits komplett gestrichen.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%