Der 56-Jährige ist Chef des französischen Stromkonzerns EdF
EdF-Chef Roussely: Unternehmer in Staatsdiensten

Er verfolgt eine Doppelstrategie: François Roussely kauft im Ausland zu - wie jetzt in Italien bei Montedison. Gleichzeitig will er den Stromversorger EdF privatisieren.

Es ist selten genug, dass sich ein hoher Verwaltungsbeamter einmal als guter Unternehmer erweist. Denn zwischen beiden Tätigkeiten liegt ein Prozess der Emanzipation, den die meisten Staatsdiener nicht unbeschadet überstehen. Der Beamte braucht einen hierarchischen Fixpunkt für seine Loyalität, der Unternehmer ist dieser Fixpunkt selbst.

François Roussely, Vorstandschef des staatlich französischen Energieversorgers Electricité de France (EdF), ist dabei, diesen Schritt zu gehen. Bestes Beispiel ist die jetzt bevorstehende Beteiligung am italienischen Konglomerat Montedison. Da zeigt der 56-Jährige neben taktischer Raffinesse und dem Gespür für die Wahl des geeigneten Partners ein Maß an Entscheidungsfreiheit, die einem Funktionär nicht ohne weiteres gestattet wird.

Dabei ist es gerade die unbedingte Loyalität, die den in Südwestfrankreich geborenen Roussely in den vergangenen 20 Jahren zu einer zentralen Figur des Pariser Politikbetriebes hat werden lassen. Seine Laufbahn beginnt 1971 in der Budgetdirektion des Finanzministeriums. Dort schließt er mit dem heutigen Chef der französischen Eisenbahnen, Louis Gallois, dem Renault-Boss Louis Schweitzer und mit Michel Cicurel Freundschaft, der später die Compagnie Financière Edmond de Rothschild leitet.

Diskret und effizient

Nach einem Intermezzo auf der Elitekaderschmiede ENA geht Roussely, zu dessen Leidenschaft nicht gerade die Mathematik gehört, zum Rechnungshof. Anschließend dient er in der Ära Staatspräsident François Mitterand mehreren Ministern beider politischer Lager. Sie loben seine Diskretion und Arbeitseffizienz in höchsten Tönen.

Gaston Defferre holt ihn 1982 ins Innenministerium. Defferres Nachfolger Pierre Joxe behält ihn und macht ihn 1989 zum Chef der Police Nationale. Zur Verwunderung von tout Paris hält es der gleichmütige und nüchterne Roussely mit dem als aufbrausend geltenden Pierre Joxe gut aus.

Roussely folgt ihm während des konservativen Interregnums Ende der 80er-Jahre in die Leitung der sozialistischen Fraktion der Nationalversammlung und später wieder ins Verteidigungsministerium. Dort macht er sich mit komplexen Organisationsfragen unentbehrlich. Joxes konservative Nachfolger halten Roussely im Amt, der aus einer Familie mit links-republikanischer Tradition stammt und sich als getauft, gläubig, aber nicht praktizierender Christ bezeichnet.

Sein erster Absprung aus der Ministerialbürokratie lässt den begeisterten Workaholic, der sich außer seinem streng abgeschirmten Familienleben und wenigen Konzertbesuchen kaum Zerstreuung gönnt, in einem Staatsbetrieb landen: Freund Gallois holt ihn 1997 zur Bahngesellschaft SNCF. Noch im selben Jahr wechselt er zurück in die Regierung als Kabinettschef.

Mit der Berufung zum EdF-Chef schließt sich der Kreis

Doch schon 1998 befördert Premier Lionel Jospin ihn auf den Chefsessel der staatlichen EdF. Über deren turbulente Zukunft sind damals in der EU-Kommission in Brüssel schon Zeichen an der Wand zu lesen.

Mit dieser Berufung schließt sich für Roussely ein Kreis. Er hat schon seine Jugend im Bann der EdF verbracht, sein Vater beaufsichtigte im Perigord eine Reihe von Anlagen des Versorgers. Die Nachkriegserlebnisse rund um die prekäre Stromversorgung des bitterarmen Landstriches kommen Roussely wieder vor Augen, als Ende 1999 Winterstürme in Frankreich die Lichter ausgehen lassen.

Roussely nutzt die Katastrophe aber als Chance, die durch die Öffnung des Strommarkts verunsicherte EdFMannschaft wieder zu einen. Vor laufenden TV-Kameras bekennt er sich zu Frankreichs öffentlichem Dienst. Dieses Bekenntnis hängt ihm nun überall im Ausland nach, wo der staatliche Stromkonzern wie ein Privatunternehmen zukauft, um in der Europaliga der Energiekonzerne nach vorne zu rücken - auch in Italien beim aktuellen Montedison-Deal.

Doch längst bereitet Roussely EdF auf eine Zukunft ohne den Staat vor - allerdings in aller Stille. Denn eines der Erfolgsrezepte des François Roussely heißt: Risiken aus dem Weg zu gehen. So hat er einige Probleme bisher nicht angefasst: Der von den Kommunisten dominierte Betriebsrat agiert nach wie vor wie ein Staat im Staate. Und die Abhängigkeit vom Atomstrom könnte sich für EdF als Zeitbombe erweisen.

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