Der 56-Jährige ist Star-Architekt und Chef des gleichnamigen Büros
Zwischen Genie und Wahnsinn

Heute präsentiert Daniel Libeskind seinen radikalen Entwurf für den New Yorker Ground Zero. Lange Zeit sorgten nur seine Theorien für Aufsehen, heute sind es auch seine Bauten.

BERLIN. Ein liebes Kind ist Daniel Libeskind nicht - eher schon ein Enfant terrible. Denn der amerikanische Star-Architekt genießt die Provokation. Wenn er sein Publikum mit radikalen, womöglich gar abschreckenden Entwürfen herausfordern kann, ist er in seinem Element. Insofern dürfte der 56-Jährige am heutigen Tage voll auf seine Kosten kommen: An diesem Dienstag soll der kleine, sympathische Mann noch einmal seinen Entwurf für den New Yorker Ground Zero präsentieren.

Libeskind gehört wie die Architektengruppe "Think" zu den beiden Finalisten des Wettbewerbs um die Neubebauung der Stelle, an der bis zum 11. September 2001 die Twin Towers von Manhattan standen.

Gefällig ist sein Projekt nicht. Libeskind plant einen 550 Meter hohen Turm, in dessen obersten Stockwerken sich hängende Gärten befinden sollen. Dabei will er die Stelle, an der einst die Türme des World Trade Centers standen, als klaffendes Loch - in der Größe von etwa sechs Fußballfeldern - belassen. Laut und ausdrucksvoll soll dieser Bau zu seinem Publikum sprechen.

Es ist ein gigantisches Mahnmal: Kleinere Gebäude sollen die ausgeschachtete Wanne so umgeben, dass die Sonne am 11. September jedes Jahres die Konturen der Twin Towers nachzeichnet. "Architektur muss uns etwas über die Dinge, die passiert sind, erzählen", sagt der Architekt. Darum stelle er zwei gegensätzliche Themen dar: einen Ort des Schreckens und gleichzeitig die Vitalität der Stadt New York.

Sollte er den Zuschlag bekommen, so wäre dieses Projekt zweifelsohne das Spektakulärste. Und es wäre ein neuer Gipfel auf dem steinigen, geraden Weg für seine Architektur. Denn bei seinen Entwürfen hat er bisher wenig Kompromisse gemacht. Davon zeugt auch die Tatsache, dass sein erstes Gebäude - das Jüdische Museum in Berlin - erst vor fünf Jahren und damit in seinem 52. Lebensjahr fertig gestellt wurde. Auch diese begehbare Skulptur mit ihren auffallend schrägen Winkeln löste heftige Diskussionen aus.

Doch schon vorher war Libeskind im Gespräch, verdiente sein Geld aber als Architektur-Theoretiker. Seine Vorlesungen und Seminare führten den Vater von drei Kindern zu renommierten Instituten an der Harvard Universität und Yale. Heute lehrt Libeskind, dessen Hauptbüro sich in Berlin befindet, beispielsweise an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung.

Jahrelang bemühte er sich darum, in Berlin zu bauen. Er bewarb sich für zahlreiche Wettbewerbe. Aber sein Entwurf für den Potsdamer Platz Anfang der 90er-Jahre etwa löste wegen seiner Monstrosität bei der Jury vor allem Erschrecken aus.

Doch inzwischen hat Libeskind neben dem Jüdischen Museum zumindest zwei weitere Gebäude fertig gestellt- eins in Osnabrück und eins in Manchester. Nach Angaben seiner Frau Nina Lewis-Libeskind sollen in den nächsten vier Jahren sieben weitere hinzukommen, etwa zwei Museumsanbauten in Toronto und Denver. Sein Büro beschäftigt weltweit 130 feste und freie Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von zwölf bis 14 Millionen Euro.

Nach wie vor ist der Architekt in seiner Umgebung für die Ideen zuständig. Ihre Umsetzung und Vermarktung überlässt er anderen. "Ohne seine Frau Nina wäre Daniel heute nicht das, was er ist", sagt ein ehemaliger leitender Mitarbeiter von Libeskind: Als Kind aus einer Politikerfamilie sei sie ein "knallharter Politprofi" und verstehe es, die Ideen ihres Mannes zu vermarkten. Libeskind dagegen habe die bewundernswerte Gabe, sich der "Praxis beharrlich zu verweigern". Gehe es um Fragen der Finanzierung oder um die technische Machbarkeit, verlasse er bei seinen Projekten einfach den Raum und überlasse seinen Mitarbeitern "mit einem erstaunlichen Vertrauensvorschuss" das Feld.

Auf diese Weise ist sich der humorvolle und impulsive Künstler treu geblieben. Er und seine Frau hätten zu Anfang ihrer Ehe geschworen, erzählt er, sich nie um des finanziellen Überlebens willen auf eine "seelenlose, kommerzielle" Architektur einzulassen. Das sei ihnen gelungen. Ungewöhnlich ist das, denn die meisten Architekten können diesen Anspruch nicht so konsequent durchhalten. Libeskind ist eben ungewöhnlich. Schon mit elf Jahren galt er als musikalisches Wunderkind und gewann mit seinem Akkordeon bei einem Talentwettbewerb den ersten Preis, an dem auch der spätere Dirigent Daniel Barenboim teilnahm. Libeskind wurde nicht Musiker, sondern fand den Weg über die Mathematik zur Architektur. Ob er noch heute für sich musiziere? "Nein", sagt er. Warum nicht? Vielleicht, weil er sein Publikum brauche, sagt er und grinst entwaffnend.

VITA

Daniel Libeskind wird 1946 in der polnischen Stadt Lodz geboren. Seine Eltern wandern 1957 zunächst nach Israel und 1960 in die USA aus. Libeskind studiert in New York und im englischen Essex Architektur, Architekturgeschichte und Architekturtheorie. Seit 1989 wohnt er vor allem in Berlin. Er hat viele Professuren inne, so an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung.

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