Der 57-Jährige bringt Crédit Agricole an die Börse
Jean Laurent: Der schweigsame Vollstrecker

Der Chef der zweitgrößten französischen Bank ist weithin unbekannt. In aller Stille hat er die genossenschaftliche Finanzgruppe auf den Kapitalmarkt vorbereitet.

Der Mann ist mittelgroß, unauffällig gekleidet. Er trägt das leicht grau melierte Haar stets korrekt gescheitelt. Niemandem würde er ins Auge fallen, wenn er sich aus dem morgendlichen Pendlerstrom des Pariser Bahnhofs Montparnasse lösen und zu Fuß in die nahe gelegene Zentrale der genossenschaftlichen Finanzgruppe Crédit Agricole streben würde.

Seine Vertrauen erweckend normale Gestalt ist vielleicht die hervorragendste Eigenschaft des Jean Laurent, der Frankreichs größte genossenschaftliche Bankgruppe in kürzester Zeit vom Kopf auf die Füße gestellt und für den Gang an die Börse bereit gemacht hat. Er war der richtige Mann am richtigen Platz zur richtigen Zeit, um 5,5 Millionen Bankgenossen, der Gruppe oft nur durch ein Kreditgebühren sparendes Mitgliedszertifikat verbunden, auf ein ehrgeiziges Ziel einzuschwören.

Und der 2 500 Kleinstbanken und 48 teils selbst börsennotierte Regionalkassen davon überzeugt hat, dass auch ein in der Landwirtschaft verwurzelter Finanzriese die Zeit nicht anhalten kann und die Herausforderung der Kapitalmärkte annehmen muss.

Drei Jahre Überzeugungsarbeit

Drei Jahre hat der Vorstandschef der von Freitag an börsennotierten Agrarbank Crédit Agricole S.A. Überzeugungsarbeit geleistet. Laurent, 1944 im Pyrenäenvorland geboren, hat sich das Verständnis für die Sorgen, Nöte und Umgangsformen der "France profonde", des ländlichen Frankreichs bewahrt. So wurde seine Stimme in den vergangenen Jahren gehört, als er von Genossenschaftsversammlung zu Genossenschaftsversammlung zog, um für den Börsengang zu werben.

Laurent hat das Projekt quasi in vollem Lauf übernommen. Nach etlichen Zwischenstationen in der genossenschaftlichen Finanzgruppe war er schon die rechte Hand seines Vorgängers Lucien Douroux, als dieser 1998 die ersten Börsenpläne ausheckte. Als ihm Laurent im Frühjahr 1999 nachrückte, ohne auch nur die Möbel im Büro umzustellen, hatte er die Unterstützung des schwergewichtigen Aufsichtsratsvorsitzenden Yves Barsalou dafür schon in der Tasche. Barsalous wuchtiger Bass mit dem rollendem Akzent des Midi wurde in Paris zu unrecht nie recht ernst genommen. Für Laurent war Barsalou, dem inzwischen Marc Bué folgte, jedoch ein Glücksfall, weil er ihm bei den Genossen Gehör verschaffte.

So verkündete Laurent auf einer Pressekonferenz, die Bankgruppe wolle sich ein "börsennotiertes Vehikel" zulegen. Frankreichs Wirtschaftspresse war das zunächst keine Zeile wert.

Der Job als Bankboss wurde Laurent nicht in die Wiege gelegt

Erst die Zuspitzung des Machtpokers bei der privatisierten Bank Crédit Lyonnais, zu deren größtem Aktionär Laurents Geldinstitut auf Wunsch des Staates geworden war, ließ die Pariser Finanzwelt aufhorchen. Für Frankreichs zweitgrößte Bank boten sich bei einer Börsennotierung ungeheure Möglichkeiten. Laurent hält sich mit Spekulationen über den Einsatz eigener Aktien als Akquisitionswährung bedeckt - schließt sie aber nicht aus.

Der Bankboss ist dem schweigsamen, verschmitzten Aquitanier Laurent nicht in die Wiege gelegt: Er kommt aus soliden, aber bescheidenen Verhältnissen. Doch ist Jean Laurent ehrgeizig. Nach der Schule absolvierte er die Ecole Nationale Superieure de l'Aeronautique als Ingenieur für Zivilflugzeugbau.

Und anders als viele seiner Altersgenossen, wagte sich Laurent in die neue Welt. An der Wichita State University in Kansas er seinen Master of Science. Die Stadt ist ein Zentrum der US-Flugzeugbauindustrie. Aber sie liegt eben auch mitten in Amerikas Corn Belt.

US-Investoren legen ihre Skepsis ab

Auch wenn die US-Hochschule keine Kaderschmiede ist, lassen US-Investoren heute erkennen, dass sie bei Laurent ihre Skepsis gegenüber den vermeintlich weltfremden Agrarbankern bald ablegen. Zwar raucht Laurent, was sich seine US-Geschäftspartner meist verkneifen. Doch zumindest bevorzugt er eine amerikanische Zigarettenmarke, deren Werbung man in Europa selten sieht.

Über weitere Vorlieben schweigt Laurent. Immerhin ist bekannt, dass er gerne Opernmusik hört. Gelegentlich besucht er Rugby-Spiele. Am Rande von Paris wohnhaft, unterhält er seit geraumer Zeit wieder einen Zweitwohnsitz in seiner Heimatregion, wo der gläubige Christ die Sommer mit seiner großen Familie verbringt: Laurent ist Vater von fünf Töchtern, außerdem halten ihn zwei Enkelkinder auf Trab.

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VITA

1944 wurde Jean Laurent am Rande der Pyrenäen geboren. Nach der Schule studierte er in Frankreich Zivilflugzeugbau und hing ein Aufbaustudium in den USA dran. 1970 stieg er in Toulouse zur Crédit Agricole, später wechselte er für die Finanzgruppe in den Großraum Paris. Dort fiel er der Führungsspitze auf, die ihn ab 1984 mit wichtigen Projektaufgaben betraute. Seit 1999 ist er Vorsitzender des Vorstands.

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