Der 57-Jährige ist neuer Chef der brasilianischen Zentralbank
Seine Schwäche ist die Eitelkeit

Nach monatelanger Suche steht der neue Chef der brasilianischen Zentralbank fest. Für Henrique Meirelles sprechen seine guten Kontakte in die USA. Aber er denke zu politisch, fürchten seine Kritiker.

SAO PAULO. Die Suche ist nicht leicht gefallen. Gedauert hat sie fast zwei Monate. Seit Mitte Oktober abzusehen war, dass Luiz Inácio Lula da Silva zum nächsten Präsidenten Brasiliens gewählt würde, haben dessen ökonomische Berater Ausschau nach jemandem für die Spitze der Zentralbank gehalten.

Doch das Prozedere zog sich so lange hin, dass im Dezember schon Gerüchte kursierten, Lula fände niemanden für den Job. Prompt begannen die Investoren mit der Spekulation gegen den Real. Da versuchten Lulas Berater ihn sogar dazu zu überreden, den erfolgreichen Armínio Fraga für ein paar Monate als Zentralbankchef zu halten. Doch Lula streikte: Den ehemaligen Soros-Banker Fraga hatte er 1999 bei seiner Ernennung als Vertreter der internationalen Spekulation als "Fuchs im Hühnerstall" bezeichnet.

Mit der Entscheidung für den Spitzenbanker Henrique Meirelles hat Lula nun das Hin und Her beendet. Doch der Gegensatz zwischen dem Präsidenten und seinem künftigen Geldhüter könnte kaum größer sein: Hier, der künftige Präsident Brasiliens, 60 Jahre alt, der als Schlosser und ehemaliger Gewerkschafter nach 30 Jahren in der Politik nur ein bescheidenes Apartment in den Arbeitervorstädten São Paulos besitzt. Dort der künftige Zentralbankchef (57), ein brasilianischer Spitzenbanker, der sich in den USA als Direktor für Global Banking in die Führungsriege der Fleet Boston Global Bank hochgearbeitet hat. Sein Vermögen wird auf 70 Millionen Dollar geschätzt. Ihm gehören Villen in Rio, São Paulo, sowie ein großes Apartment an der 5th Avenue in New York.

Kein Wunder, dass die Kommentare von den linken Flügeln der Arbeiterpartei PT giftig ausfielen: "Diesen Mann der Finanzmärkte werde sie auf keinen Fall wählen", kündigte die PT-Senatorin Heloísa Helena an.

Die Schwierigkeiten bei der Suche und die ersten Kommentare zeigen: Der künftige Zentralbankchef tritt einen schweren Job an. Deswegen hatte auch kein anderer Lust auf den vergleichsweise schlecht bezahlten Posten an der Spitze einer Zentralbank, deren Status und Autonomie unter der neuen Mitte-Links-Regierung noch völlig unklar ist. Trotzdem muss Meirelles so schnell wie möglich Glaubwürdigkeit herstellen. Bei steigenden Inflationsraten, schwachem Real und hoher Verschuldung ist das entscheidend. Ein undankbarer Job: Sollten sich Zentralbank und Regierung an die anvisierten Inflationsziele halten, muss der Chef der Geldbehörde die Zinsen erhöhen. Das bedeutet Druck von der Wirtschaft, vom Kongress, von den Parteien, ja selbst aus der Regierung.

Ist Meirelles der richtige Mann? Die Kommentare auf den Finanzmärkten sind nicht eindeutig: Für ihn sprechen seine guten Verbindungen in die US-Finanzwelt. Außerdem gilt er als erfolgreicher Moderator zwischen Politik, Banken und Wirtschaft. Doch nach seiner Ernennung waren auch kritische Stimmen zu hören: Meirelles sei kein Techniker, der die Märkte gut kenne. Dem studierten Ingenieur fehle der theoretische und akademische Background, welche seine Vorgänger in Brasília vorweisen konnten. Auch zeige die gerade begonnene politische Karriere, als Abgeordneter für die Cardoso-Partei - also für den künftigen Oppositionsführer - dass Meirelles politisch denke. Auch aus diesem Grund sei er nicht geeignet, die Geldbehörde zu führen: Der Banker, der sich schon einmal für das Präsidentenamt interessiert hat, werde bei unpopulären Zinserhöhungen, zögern. Alexandre Schwartsman, Chefökonom von BBA Corretora, urteilt: "Meirelles muss erst zeigen, dass er es bei der Inflationsbekämpfung ernst meint."

Seine größte Schwäche sei seine Eitelkeit, sagen Banker, die ihn kennen, aber natürlich nicht genannt werden wollen. Vielleicht haben sie Recht: Auf seine angeblich mangelnde technische Kapazität angesprochen, reagierte Meirelles grantig und ließ sich direkt zu Provokationen hinreißen: Er habe bei Fleet Boston weit höhere Summen bewegt, als er es künftig in Brasília tun werde. Außerdem seien seine Fähigkeiten Krisen zu managen, "viel umfangreicher, als die der Kollegen hier in Brasilien". Ein schlechter Einstieg für jemand, der auf die Zusammenarbeit mit eben diesen Kollegen angewiesen ist.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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