Der 57-Jährige scheint nach dem Anschlag auf das World Trade Center über sich hinaus zu wachsen
Rudolph W. Guiliani: Der Hoffnungsträger New Yorks

Selbst die dunkelste Stunde hat ihre Helden, sagte der New Yorker Bürgermeister Rudolph W. Guiliani zu den übermüdeten Feuerwehrmännern in den Ruinen des World Trade Centers. Und auch "Rudy" Guiliani selbst gehört zu denen, die inmitten des Infernos zu Hoffnungsträgern geworden sind.

ddp NEW YORK. Unvergessen bleibt vielen New Yorkern, wie ihr Bürgermeister nur Stunden nach dem Anschlag mit versteinertem Gesicht über das Trümmergrundstück ging, das einmal die beste Adresse von Manhattan war. Der 57-jährige, schmächtige Mann, gezeichnet von den Folgen einer langjährigen Krebserkrankung, scheint in der vergangenen Woche über sich hinaus gewachsen zu sein.

Dabei sollte die achtjährige Ära Guiliani eigentlich längst Geschichte sein. Als am 11. September das erste entführte Flugzeug in den Turm des World Trade Centers einschlug, lief in New York der Wahlkampf um das Bürgermeisteramt. Die Bevölkerung suchte den Nachfolger eines Stadtoberhaupts, das in den letzten Monaten mehr durch private Affären im Gespräch war.

Eine gesunde Portion Rücksichtslosigkeit haben den Spross einer aus Italien stammenden Arbeiterfamilie an die Spitze der wohl wichtigsten Stadtverwaltung der Welt gebracht. Erste Meriten sammelte Rudolph Guiliani als Jurist im Staatsdienst, zielstrebig arbeitete er gleichzeitig an seiner Karriere in der Republikanischen Partei.

Lange Zeit haben die New Yorker über den erzkonservativen und bigotten Politiker gespottet. Liberale schimpften über die "Null Toleranz"-Ideologie des Stadtoberhaupts, das der Polizei eine ausgesprochen harte Gangart gegen jedwede Form von Kriminalität vorgab. Auch wenn die Bürgerrechte litten, die Erfolge von Guiliani konnten sich sehen lassen. Die Kriminalitätsrate sank um 65 Prozent, die Huren und die Junkies wurden aus dem Stadtzentrum Times Square vertrieben. Ebenso rigide ging der Bürgermeister gegen Sozialhilfe-Empfänger vor, denen er ein striktes Arbeitsprogramm verordnete.

Doch das scheint fast aus einem anderem Leben zu sein. Ausgerechnet der Politiker, der sich immer wieder durch eine tollpatschige und ungeschickte Sprache den Spott der Medien zuzog, fand in den wichtigsten Stunden seiner Karriere genau die Worte, die die Bevölkerung hören wollte. Ohne den Beistand von erfahrenen PR-Beratern verband er die trostlose Analyse der Lage mit dem Versuch, trotz allem so etwas wie Hoffnung zu vermitteln.

In diesen Stunden war er nicht nur der Vertreter der New Yorker Bevölkerung, sondern auch der verlängerte Arm seines Parteifreundes, des Präsidenten George W. Bush. Hartnäckig propagierte Guiliani wider aller Vernunft die Hoffnung, doch noch Überlebende in den Trümmern der zerstörten Wolkenkratzer zu finden. Es wäre für die New Yorker ein fatales Signal gewesen, wenn man hier früh aufgegeben hätte. Und schon Stunden nach dem Anschlag machte der Bürgermeister klar, dass das World Trade Center wieder aufgebaut werden soll, größer und prächtiger als zuvor.

Als die Weltstadt langsam aus ihrem Schock erwachte, meinte Guiliani: "Nach dieser Woche werden die Einwohner von New York enger zusammen stehen als je zuvor." Und das könnte auch ein Verdienst des Stadtoberhaupts gewesen sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%