Der 59-Jährige ist der neue Chef der Rabobank
Laut, dynamisch und edel

Bert Heemskerk gilt als durchgreifender Macher, der geradeheraus spricht. Die genossenschaftliche Rabobank soll er zur Nummer eins in den Niederlanden machen.

BRÜSSEL. Er ist nicht zu überhören. Ähnlich durchdringend wie ein Schiffshorn ist die Stimme von Bert Heemskerk, die ab Dezember durch die Flure der niederländischen Rabobank in Utrecht hallen wird. Jeder wird ihn vernehmen können, denn er lässt die Tür seines Büros meist offen. Bei Mitarbeiterversammlungen oder Pressekonferenzen hat der Chef ein Mikrofon nicht wirklich nötig.

Auch sonst fällt der 59-Jährige auf, insbesondere im Vergleich zu seinem drahtigen Vorgänger und Marathonläufer Paul Smits, der nicht aus der Bankenwelt kam. Heemskerk trägt, wie es sich für einen echten Banker gehört, Nadelstreifenanzüge - was bei seinem bisherigen Arbeitgeber üblich gewesen sein dürfte. Bei der kleinen Van Lanschot Bankiers - der Bank für die Reichen, wie sie auch heißt - ist das selbstverständlich. Für die "Bauern" der genossenschaftlichen Rabobank aber ist ein solches Outfit gewöhnungsbedürftig. Den natürlich wirkenden Smits löst ein eitler, sonnenbankgebräunter Macher ab. Seinen Wohnort Noordwijk wird er nicht verlassen, denn er liebt den weiten Blick über das Meer.

Im Rekordtempo - binnen sechs Wochen - fanden die Utrechter mit dem davon nach eigenen Worten selbst überraschten Heemskerk einen neuen Vorstandschef. Erst Anfang September trat der unter Mitarbeitern beliebte Smits mit sofortiger Wirkung zurück. Ein Konflikt mit dem Aufsichtsrat und den selbstständigen lokalen Genossenschaften über die komplizierte Struktur des Instituts schien unauflösbar. Bemerkenswerterweise ging es nicht um die Strategie, sondern um deren Ausführung.

Dem dynamischen, etwas brüsken Heemskerk soll gelingen, was dem zurückhaltenden Smits versagt blieb. Nächstes Jahr müssen die Genossenschaften, die seit Jahren vergeblich angepeilten Kostensenkungen realisieren, um wieder den jährlich angestrebten Gewinnzuwachs von zwölf Prozent zu erreichen. Dieses Jahr wird das Ziel zum zweiten Mal weit verfehlt.

Heemskerk soll überdies die Rabo, zu der auch die europaweit führende Investmentgruppe Robeco gehört, in den Niederlanden auf allen Gebieten zur Nummer eins machen. Der Marktführer des Retail-, Hypotheken-, Klein- und Mittelstandsmarktes sagt insbesondere der ABN Amro den Kampf an, die das Großkundengeschäft dominiert.

Damit will der weltweit führende Financier der Lebensmittel- und Agrobranche seine Attraktivität als Partner für europäische Institute aufpolieren. Fusionsgespräche mit der deutschen DG Bank, dem niederländischen Versicherer Achmea und der belgischen Allfinanzgruppe KPC waren kläglich gescheitert. Heemskerk wird zugetraut, endlich eine Ehe mit einem starken Partner schmieden zu können. Allerdings ist dies so etwa das Gegenteil dessen, was ihm bei Van Lanschot gelang. Er befreite die jahrhundertealte Privatbank aus den Händen der britischen Nat-West und sicherte geschickt ihre Selbstständigkeit: Er schaltete seinen alten Arbeitgeber ABN Amro ein, welcher die britische 80-Prozent-Mehrheit auf verschiedene Parteien verteilte. 1999 brachte Heemskerk, der erste nicht aus der Familie stammende Firmenleiter, das Institut an die Börse.

Unter Heemskerk wird ein anderer Wind wehen als unter dem Konsens suchenden Teamarbeiter Smits. Der als durchgreifend geltende Macher redet geradeheraus und duldet weniger Kritik, wie es in Bankkreisen heißt. Zwar höre er sich andere Meinungen an, würde diese aber oft unmissverständlich parieren.

Trotzdem muss sich erst zeigen, ob der Wechsel nicht eine Hausnummer zu groß ist. Heemskerk geht von einem Betrieb mit 1 700 Mitarbeitern und einem Horizont, der hinter Belgien aufhört, zu einem multinationalen Konzern mit rund 60 000 Beschäftigten, der seit Jahren mit seiner Europa-Strategie wurstelt. Heemskerk hat aber anders als seine drei Vorgänger bei der Rabo den Vorteil, dass er sich nicht mehr ins Bankgeschäft einarbeiten muss. Er kann sich gleich auf die Probleme stürzen - auch wenn er kein Morgenmensch ist.

Er wird auf seine Erfahrungen bei der Amro Bank zurückgreifen. Dort war er zuletzt Generaldirektor Inland. "Das nicht-zentralistische der Rabobank spricht mich an", sagt er. Er kennt sich sowohl damit aus als auch mit dem internationalen Geschäft: In den mehr als 20 Jahren bei der Amro hat er auch weit weg von der Zentrale gearbeitet und Niederlassungen aus dem Boden gestampft.

Das Managen von Wachstum ist ihm ebenfalls vertraut. In den elf Jahren seiner Führung wuchs Van Lanschot stetig, und die Bilanzsumme verdoppelte sich. "Van Lanschot ist Heemskerk", sagt der Chef einer der Konkurrenten der kleinen Bank. Bleibt abzuwarten, ob der belesene Mann eines Tages auch die Rabobank verkörpert.

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VITA

Bert Heemskerk wird am 13. April 1943 in Noordwijkerhoud im Norden der Niederlande geboren. Zwar studiert er zuerst Theologie und Philosophie in Paris, Frankfurt und Tübingen. Doch nach einem Wirtschaftsstudium in Rotterdam entscheidet er sich dann doch für das große Geld. Mehr als 20 Jahre arbeitet er bei der Amsterdamer Amro Bank, unter anderem in Tokio, London und Dubai. Zuletzt ist er Generaldirektor für das niederländische Geschäft. Als die Amro Bank 1991 mit ABN fusioniert und ihm dadurch Aufstiegsmöglichkeiten abgeschnitten werden, wechselt Heemskerk zu Van Lanschot Bankiers in Den Bosch. Dort wird er schon Monate später Vorstandschef. Er leitet die Verselbstständigung und später den Börsengang der Bank ein.

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