Der 59-Jährige ist seit 1. April Aufsichtsratschef von Ericsson
„Mackie Messer“ wetzt die Klingen

Aus adligem Haus stammend, wird Michael Treschow Ingenieur, später Konzernchef von Atlas Copco und dann von Electrolux, wo er seinem Ruf als Sanierer alle Ehre macht. Nun soll er den schlingernden Telekommunikationsriesen Ericsson wieder auf die Überholspur bringen.

STOCKHOLM. Seinen Ruf hat er weg, ob er will oder nicht. "Mackie Messer" hat dort den Schnitt angelegt, wo es derzeit in Schweden am stärksten schmerzt. Michael Treschow ist seit drei Wochen neuer Aufsichtsratschef beim größten Konzern des Landes, dem Telekommunikationsriesen Ericsson.

"Mein ganzes Leben lang habe ich in der Kostensenkungsbranche gearbeitet", so versuchte der 59-Jährige am Montag, mit der Streichung von weiteren 20 000 Arbeitsplätzen bis Ende kommenden Jahres seinem Ruf als beinharter Sanierer gerecht zu werden.

Der feine Zwirn, in dem Treschow immer auftritt und der ihm aristokratische Züge verleiht, mag manchmal darüber hinwegtäuschen, dass er Erfahrungen mit Rotstift und Messern hat. Seine Karriere begann der Ingenieur 1970 beim Werkzeughersteller Bahco. Fünf Jahre später wechselte er zu Atlas Copco, wo er 1991 Konzernchef wurde.

Schon in dieser Zeit konnte Treschow zeigen, dass Kostensenkungen zu seinen Spezialgebieten gehörten. In Schweden verwunderte es deshalb kaum, als er 1997 die operative Leitung des größten Haushaltsgeräteherstellers der Welt, Electrolux, übernahm. Der Riese, der mit Staubsaugern groß geworden war, hatte durch eine intensive Expansionsphase an Saugkraft verloren und benötigte eine intensive Spezialbehandlung.

"Mack the Knife"

Die arbeitete der aus einer adligen Gutsherren-Familie stammende Treschow, wie er heute sagt, "in einer einzigen Nacht" aus: 45 000 Mitarbeiter mussten den Konzern verlassen, 33 Fabriken wurden weltweit geschlossen und 18 Tochtergesellschaften verkauft. Das alles erreichte Treschow bei einer gleichzeitigen Umsatzsteigerung um 20 Prozent. "Es ist immer sehr, sehr wichtig, deutlich gegenüber seinen Mitarbeitern zu sein", erklärte er damals. Diese Deutlichkeit brachte ihm in Schweden den Beinamen "Mack the Knife", Mackie Messer, ein.

Er selbst hat sich gegen dieses Klischee stets gewehrt. "Wir dürfen nie vergessen, dass es bei Sparmaßnahmen um Individuen geht", erklärte er einmal in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Er sei sich bewusst, dass der Verlust des Arbeitsplatzes für jeden Einzelnen eine Tragödie sei. Doch den Ruf des messerscharfen Kalkulierers ist er nicht losgeworden.

Und das war wohl auch der Grund, weshalb die mächtige schwedische Industriellenfamilie Wallenberg dem immer freundlich, aber oft auch fast diabolisch lächelnden Treschow den Sanierer-Job bei ihrem Flaggschiff Ericsson zukommen lassen wollte. Dass seine Frau Lotta verwandt mit der Industriellendynastie ist, hat die Entscheidung sicherlich einfacher gemacht.

"Börsenliebling"

Als Treschow im vorigen Herbst zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden von Ericsson ernannt wurde, gab es bei Analysten unüberhörbare Seufzer der Erleichterung. Der "Börsenliebling", so die Hoffnung, würde den mächtig ins Schlingern geratenen Telekommunikationskonzern schon wieder auf den richtigen Weg bringen. Einziger Wermutstropfen: Treschow hatte keine Ahnung von der Branche.

"Ich werde mich hineinarbeiten", sagte er, und alle, die ihn kannten, waren überzeugt davon, dass er sich bis zur Amtsübernahme am 1. April tatsächlich ein umfassendes Bild von Ericsson und der Branche gemacht haben würde. Gestern ließ er keinen Zweifel aufkommen, wer künftig das Zepter beim größten schwedischen Industrieunternehmen in der Hand hält. Mit breitem amerikanischen Akzent erklärte Treschow vor der staunenden internationalen Analystenschar, dass die Talfahrt von Ericsson noch nicht beendet sei. Weitere 20 000 Arbeitsplätze müssten eingespart werden. Ericsson-Chef Kurt Hellström stand im Hintergrund und nickte zustimmend.

Der Hobby-Jäger Treschow betont immer wieder, dass Delegieren das Wichtigste in seinem Job sei. "Ich will nicht in jede Kleinigkeit involviert werden." Jedoch scheint Ericsson-Chef Hellström das falsch verstanden zu haben. Anfang des Jahres hatte er in einem Zeitungsinterview erklärt: "Wer die Aufsichtsratssitzungen leitet, hat geringe Bedeutung", so Hellström.

Es dauerte nur wenige Tage, und Treschow erklärte, eventuelle Missverständnisse seien ausgeräumt. Da saß es wieder - das Messer.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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