Der 5fast 4-Jährige wird überraschend neuer Continental-Chef
Manfred Wennemer: Kein Freund weicher Lösungen

Der Mathematiker stand beim Reifenhersteller Continental schon vor dem Absprung. Jetzt wird er Chef, weil der Konzern einen nüchternen Rechner braucht.

Nüchtern, wie es seine Art ist, erklärte Manfred Wennemer dem Continental-Aufsichtsrat die Lage. Natürlich, man könne aus der Zwischenholding ContiTech, die er führte, eine Menge machen. Aber das koste Geld, viel Geld.

Die Aufseher taten sich schwer. Der viertgrößte Reifenhersteller der Welt hätte das Geld. Er hätte es aber nur ein Mal, wo er es zwei Mal bräuchte. Denn große Investitionen sollten auch noch in das Geschäft mit Fahrwerksystemen fließen, und das hatte Vorrang. So hoben in jener Sitzung vor rund einem Jahr alle den Arm für den Verkauf der profitablen Tochter Contitech.

Für Wennemer war es der Auftrag, sich selbst abzuwickeln. Im Frühjahr 1998 hatte er die Führung der ContiTech übernommen und einen profitablen, aber gefährdeten Gemischtwarenladen vorgefunden. Wie fast alle Reifenhersteller, nutzt Continental sein Wissen über Kautschuk auch für andere Produkte. Schläuche, Zahnriemen, Schwingungsdämpfer, Dichtungen, Förderbänder, Folien, Schlauchboote, Schuhsohlen - was aus Gummi und kein Reifen war, fand sich hier.

Wennemer ist nüchtern und lösungsorientiert

Wennemer, der vom ebenfalls zum Konzern gehörenden Folienhersteller Benecke-Kaliko gekommen war, sortierte das Ganze neu, und gab bald die Devise aus: Wer es in seinem Markt - mal Europa, immer öfter aber die Welt - nicht unter die ersten Drei schaffe, habe keine Zukunft im Konzern. Er hätte gern viele unter die ersten Drei gebracht, aber als er sah, dass ihm Continental das Geld dafür nicht geben würde, drängte er auf Verkauf.

Der kleine Mann mit der großen Brille sei eben Mathematiker, sagt ein Mitarbeiter: nüchtern, lösungsorientiert. Wennemer sehe sich die Zahlen an und erkenne blitzschnell das Problem dahinter. Seine Mitarbeiter sollten dieses Tempo tunlichst mithalten und die Lösung dann genauso vorantreiben wie der Chef: "glashart." Dass er dennoch nicht als eiskalter Macher verschrien ist, verdankt Wennemer der Ruhe, Offenheit und Humor, die er ausstrahlt. Nach innen und außen erklärte er unermüdlich die Verkaufspläne. Kollegen lobten das Vermittlertalent, die Belegschaft schätzt ihn - vielleicht auch deshalb, weil sich manchmal ein wenig Melancholie in den Ton schlich. Der Chef werde wohl mitgehen, wenn ContiTech verkauft werde, hieß es im Konzern noch vor wenigen Wochen.

Aber Contitech wird nicht verkauft. Der Aufsichtsrat schreckte davor zurück, die Ertragssäule wegzugeben, um die Expansion im Systemgeschäft mit ihren Risiken noch schneller voranzutreiben. Vorstandschef Stephan Kessel, der für diesen Weg stand, musste gehen. Wennemer, der für Konsolidierung plädierte, nimmt seinen Platz ein.

Weder ein Reifen- noch ein Automann

Er erreicht den Höhepunkt seiner Karriere eine Woche vor dem 54. Geburtstag. Wennemer ist im Münsterland geboren, studierte dort Mathematik und fand seine erste Stelle Job als EDV-Projektleiter bei Procter & Gamble. Es folgten Stationen bei Arthur D. Little und Freudenberg, einem Hersteller von Vliesstoffen, für den er auch nach Nordamerika und Südafrika ging. Am Weg lagen der MBA-Abschluss in Fontainebleau und das Senior Management Program in Harvard, ehe er 1994 den Vorstandsvorsitz bei der ContiTech-Tochter Benecke-Kaliko übernahm.

Der Vater dreier Kinder ist also zweifellos exzellent, aber weder ein Reifen-, noch ein Automann. Das mache nichts, heißt es im Betriebsrat, "er soll ja nicht irgendwelche Visionen haben". Man hat bei Conti jetzt nämlich ein bisschen genug vom Visionären.

Stephan Kessel musste den Chefsessel nach nur zweieinhalb Jahren räumen, weil sich in der Konzentration auf das Strategische einige operative Schwächen breitmachten. Es rettete ihn auch nicht, dass man ihm Expansion und Vision als wichtigste Aufgaben aufgetragen hatte. Manches Problem, das ihm zum Verhängnis wurde, hinterließ schon der Vorgänger. Der heißt Hubertus von Grünberg und zog jetzt als Aufsichtsratschef die Reißleine.

Der Fallschirm heißt Wennemer, womit kaum jemand gerechnet hat. Oben auf der Liste stand eher Wolfgang Ziebart, der von BMW kam und die neue Fahrwerksparte führt. Der Techniker wird stellvertretender Vorstandschef. An der Spitze ist jetzt der nüchterne Rechner gefragt.

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