Der 62-Jährige kann sich nichts Schöneres vorstellen, als Bayer-Chef zu sein
Manfred Schneider: Der Mann, der sich nicht verbiegen lässt

Im Herbst werden die Bayer-Aktien an der Wall Street eingeführt. Kurz zuvor will der Chef des Chemie- und Pharmakonzerns mit der größten Übernahme in der fast 140-jährigen Unternehmensgeschichte an die Weltspitze der Hersteller von Pflanzenschutzmitteln vorrücken.

LEVERKUSEN. Die Geste ist typisch für Manfred Schneider: Freundliches Lächeln, der linke Daumen zeigt nach oben. Immer, wenn der Chef des Leverkusener Chemie- und Pharmakonzerns Bayer stolz ist auf die eigenen Leistungen, präsentiert er sich in Siegerpose. An Selbstbewusstsein mangelt es dem Mann offenbar nicht.

Am Dienstag durfte Schneider sich wieder als Gewinner fühlen: Im Übernahmepoker um Aventis Cropscience hat Bayer im Moment die besten Karten. Exklusiv werden die Leverkusener in den nächsten drei Wochen mit den beiden Eigentümern Aventis und Schering vor allem über den Kaufpreis verhandeln, den Branchenexperten zwischen sechs und acht Milliarden Euro ansiedeln.

Doch wo immer man sich einigt, schon jetzt steht fest: Der Kauf von Aventis Cropscience wird die teuerste Firmenübernahme in der fast 140-jährigen Unternehmensgeschichte, und sie wird Bayer an die Weltspitze der Hersteller von Pflanzenschutzmitteln katapultieren.

Schneider wird sich diese Chance bestimmt nicht nehmen lassen - auch wenn die Wettbewerbshüter in Brüssel ihm die ein oder andere Auflage machen werden. Er ist fest entschlossen, mit dem Aventis-Deal seine Karriere bei Bayer zu krönen.

Schneider pflegt den rheinischen Kapitalismus

Auch nach 35 Jahren unter dem Bayer-Kreuz hat Schneider noch immer nicht genug. Eigentlich wäre sein Vertrag als Vorstandschef nach der Hauptversammlung am 27. April ausgelaufen, weil er damals die konzerninterne Altersgrenze von 62 Jahren erreichte. Doch vom Aufsichtsrat hat er sich eine Verlängerung um ein Jahr genehmigen lassen: Er will noch dabei sein, wenn die Bayer-Aktie im Herbst an der Wall Street eingeführt wird.

Er weiß: US-Investoren mögen keine Konglomerate. Doch genau so wichtig ist ihm, was seine Mitarbeiter über ihn denken. "Schneider ist kein eiskalter Hund, kein eiskalter Macher", sagt Karl-Josef Ellrich, Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat. Der Bayer-Chef pflegt den rheinischen Kapitalismus, wie er im Nachkriegsdeutschland geprägt wurde, Sozialpartnerschaft ist kein Fremdwort für ihn. Eine Aufspaltung des Konzerns - etwa nach dem Vorbild der ehemaligen Hoechst AG - lehnt Schneider auch mit Rücksicht auf die Belegschaft strikt ab.

Wenn es um sein Unternehmen, die Bayer AG, geht, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Sind Prognosen zur Chemiekonjunktur, zum Standort Deutschland oder zur Entwicklung des Konzerngewinns gefragt, lehnt sich Schneider gelegentlich so weit aus dem Fenster, dass es - bildlich gesprochen - angeraten scheint, ein Sprungtuch aufzuspannen. Einmal in Fahrt, ist der impulsive Bayer-Chef kaum zu bremsen. Schneider: "Angst habe ich vor niemanden, höchstens vor meiner Frau, und auch vor der relativ wenig."

Finanzanalysten sind Schneiders Lieblingsgegner

Von der, verrät sein zumeist modisches Outfit, lässt Schneider sich zumindest in Modefragen beraten. Ansonsten beugt er sich dem Zeitgeist nicht. Seinen Lieblingsgegnern, den Finanzanalysten, bescheinigt er Praxisferne. Schneider: "Ein Analyst ist wie einer, der hunderte Stellungen kennt, aber noch nie eine Frau gehabt hat."

Wohl kaum ein deutscher Topmanager würde sich öffentlich so drastisch äußern, notierte die "FAZ" über den in Essen aufgewachsenen Konzernchef. Wie schon seine Vorgänger führt er Bayer als integriertes Unternehmen. Unbeirrt von der Kritik von Analysten und Investbankern hält Schneider, der am liebsten Eintopfgerichte isst, an den vier Sparten Gesundheit, Landwirtschaft, Polymere und Chemie fest.

Aus gutem Grund: Das eng verflochtene Konglomerat schreckt potenzielle Angreifer ab. Eine feindliche Übernahme wäre für einen Konzern, dessen Vorstände - wie Spötter meinen - mit dem Unternehmen verheiratet sein müssen, eine Katastrophe.

Schneider setzt auf die Politik der kleinen Schritte

Schneider liebt die Macht und den Einfluss, die mit seinem Job verbunden sind. Schaut er aus dem Fenster seines Büros im 26. Stock des Bayer-Hochhauses in Leverkusen, hat der Hausherr sein Reich im Blick. Der Konzernchef selbst spricht in solchen Momenten von einem "erotischen Gefühl".

Mit der Übernahme der Pflanzenschutzsparte von Aventis bleibt Schneider sich selber treu. Nie hätte der promovierte Betriebswirt, intern als äußerst sparsam bekannt, (zu) viel Geld für ein Pharmaunternehmen ausgegeben. Stattdessen setzt er auf die eigene Forschungskraft und eine Politik der kleinen Schritte.

Obwohl sich Schneider nichts Schöneres vorstellen kann, als Bayer-Chef zu sein, wird er nach der Hauptversammlung 2002 in den Aufsichtsrat wechseln. Er wird dann wohl Aufsichtsratschef Hermann Josef Strenger beerben, seinen Vorgänger als Vorstandsvorsitzender. Irgendwann muss jeder Bayer-Chef abdanken.

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