Der 66-Jährige ist der neue Chef von Telecom Italia
Enrico Bondi: Der Mann, der stets über den Dingen steht

Montedison, den größten Pleitefall in Italiens Wirtschaftsgeschichte, hat er erfolgreich saniert. Jetzt soll Bondi das drittgrößte Telekomunternehmen Europas flottmachen.

Als am vergangenen Wochenende das Telefon von Enrico Bondi klingelte und die Stimme am anderen Ende der Leitung fragte, ob er den Top-Job annehmen wolle, zögerte er. Denn er wusste: Viel stärker als bislang würde er im Rampenlicht stehen, falls er jetzt Ja sagen würde. Und das gefiel ihm nicht. Denn der bisherige Chef des italienischen Mischkonzerns Montedison ist zurückhaltend bis zur Schüchternheit.

Sei?s drum. Die Herausforderung, Telecom Italia (TI) gemeinsam mit dem Finanzexperten Carlo Buora führen zu können, war größer als alle Zweifel, und Enrico Bondi willigte ein. Befriedigt legte der Anrufer, Marco Tronchetti Provera, Pirelli-Chef und neuer starker Mann bei TI, den Hörer auf.

Dass Bondi, immerhin schon 66 Jahre alt, in Italien als allererste Wahl gilt, hat - atypisch für das Land - weniger mit Schein als mit Sein zu tun. Der Manager aus der Toskana macht kein Aufhebens um seine Person. Noch nie hat er ein Interview gegeben. Bondi lässt Taten sprechen. Etwa wie er mit ruhiger Hand das Konglomerat Montedison sanierte, das 1993 aus den Ruinen des überschuldeten und insolventen Imperiums der Familie Ferruzzi hervorgegangen war.

Bondi genießt eine Ausnahmestellung unter Italiens Managern

Aus dem größten Pleitefall der italienischen Wirtschaftsgeschichte, der nur so wimmelte von leichten Mädchen und schwerem Betrug, Schmiergeldern und Selbstmorden, hat der Chemiker in acht Jahren ein schlagkräftiges Unternehmen geformt. So attraktiv, dass es jetzt Ziel einer Übernahme seitens des Fiat-Konzerns und der Electricité de France wurde. Bondi, gerühmt wegen seines Verhandlungsgeschicks und seiner Fähigkeit zu integrieren, schien sogar den neuen Eigentümern Montedisons als Vorstandschef zunächst unentbehrlich - obwohl er sich bis zuletzt heftig gegen die Übernahme wehrte. Das allein schon verdeutlicht seine Ausnahmestellung unter Italiens Managern.

Würde der Vater zweier Kinder seine Wochenenden nicht häufig auf einem Landgut mit dem ungewöhnlichen Namen "il matto" (der Verrückte) in der Nähe des mittelalterlichen Städtchens Arezzo mit der Aufzucht von Rosen sowie dem Anbau von Wein und Oliven verbringen, könnte man ihn getrost zum "Workaholic" abstempeln.

Fleißig und sparsam

Denn in der Woche steht Bondi um halb sechs auf. Eine Stunde später trifft man ihn in seinem Mailänder Büro an, wo er das Jackett gern gegen einen Pulli austauscht und mindestens 14 Stunden täglich verbringt. Fleiß also, aber auch Sparsamkeit. Schließlich kratzte Bondi für die Sanierung der Ferruzzi-Hinterlassenschaft jede Lira zusammen, versteigerte auch Stilmöbel und Gemälde, die die korrupte Industriellenfamilie gehortet hatte.

Das manchmal kleinkariert wirkende Interesse für jedes Detail kombiniert mit der persönlichen Nüchternheit kontrastiert scharf mit der Großzügigkeit seines Denkens. Seine Einstellung ist philanthropisch, seine Bildung humanistisch. Die Mitarbeiter beschreiben den früher als Forscher tätigen Bondi als einen, der über den Dingen steht und deshalb stets verständnisvoll auch auf grobe Fehler reagiert.

Dass ihm die hektische Welt des Managers ohnedies nicht genügend Nahrung für den Intellekt gibt, kann man an seinem Engagement für die Wissenschaft ablesen. Im Arbeitgeber- und Industrieverband Confindustria ist Bondi verantwortlich für die volkswirtschaftliche Abteilung. Bei der Präsentation von Analysen über Standort, Wettbewerb und Konjunktur fühlt er sich angeblich am wohlsten.

Dieser makroökonomische Weitblick könnte für Enrico Bondi bei der Führung des drittgrößten Telekomkonzerns in Europa ein entscheidender Vorteil sein.

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