Der 66-Jährige ist Inhaber des gleichnamigen Uhren- und Schmuckhändlers
Jörg G. Bucherer: Der Schweizer Uhrenkönig

Er ist weltweit der größte Rolex-Händler. Jetzt will der Schweizer Edeljuwelier Bucherer den deutschen Markt erobern - trotz eines diskreten Abkommens mit dem Konkurrenten Wempe.

LUZERN. Auf den Bergen um Luzern glänzt der erste Schnee, der Vierwaldstätter See leckt die Uferpromenade, und der Herr mit dem vollen, grauen Haar macht es sich in seinem ledernen Chefsessel bequem. Jörg G. Bucherer ist guter Dinge an diesem Nachmittag. Sein Blick schweift aus seinem Büro hinaus auf das spektakuläre Panorama; dann schaut er auf die schwere, goldene Uhr an seinem Handgelenk. "Das ist eine Carl F. Bucherer. Privat besitze ich noch eine davon und so drei bis vier Rolex", erzählt der 66-Jährige stolz.

Eigentlich ist das untertrieben. Es dürfte kaum jemanden geben, der so viele Rolex und andere Edel-Zeitmesser sein Eigen nennt, wie Bucherer. Denn der Luzerner, dessen Vermögen das Magazin "Bilanz" auf 1 bis 1,5 Milliarden Schweizer Franken schätzt, gebietet als Alleineigentümer über den erfolgreichsten Uhren- und Schmuckhandel der Schweiz. Und er ist der größte Händler von Rolex-Uhren weltweit. Mit Rolex, der Marke Carl F. Bucherer und anderen komme er auf einen "durchschnittlichen Jahresumsatz von 450 Millionen Franken", verrät er im kolorierten Deutsch der Luzerner.

Jetzt aber ist es dem helvetischen Uhrenkönig in seiner Heimat zu eng geworden. Sein Ziel heißt Deutschland. Er hat bereits das Traditionshaus Andreas Huber in München und das renommierte Uhrengeschäft Wallner in Nürnberg erworben. "Wenn Händler in Deutschland zu uns passen, dann wollen wir Übernahmen nicht ausschließen", lässt er seine Wettbewerber wissen. Aber er werde - man versteht sich ja als feine Adresse - "nicht aktiv den deutschen Markt abgrasen".

Warum dringt der Händler des gehobenen Geschmacks und der gesalzenen Preise gerade jetzt in das kriselnde Nachbarland vor? "Deutschland ist das größte Land Europas, also auch der Markt mit den potenziell meisten Kunden", erklärt er. "Da müssen wir hin." Die deutsche Konkurrenz sieht das anders. Vor allem Hellmut Wempe. Mit dem Juwelier schloss er vor zehn Jahren ein "Gentlemen?s Agreement: Der eine sollte den anderen informieren, wenn der Eintritt in die jeweils andere Domäne ansteht."

Hat er sich jetzt über den Nichtangriffspakt hinweggesetzt? Bucheres Blick streift die schneebedeckten Gipfel, er fasst sich an die goldgeränderte Brille und sagt entschieden: "Nein" und fügt hinzu: "Das Abkommen ist aber überholt."

Überhaupt lässt sich der Herr über 17 Nobelgeschäfte und eine eigene Uhrenfabrik nicht gerne reinreden. Selbst mit Rolex hat er keinen Liefervertrag. "Wenn wir neue Uhren brauchen", sagt er, "dann bestellen wir einfach." Die Rolex sind seine Bestseller. Er setzt wie seine Vorfahren an der Firmenspitze auf die Nobelmarke aus dem Schweizer Biel: "Wir sind stolz, dass wir die beste Uhrenmarke der Welt im Sortiment haben."

Wir, wir, wir. Redet Bucherer über das 1888 gegründete Familien-Unternehmen, benutzt er den Plural. Sicherlich. Es herrscht tatsächlich einWir-Gefühl in dem Nobelhaus. Doch der Verwaltungsratspräsident hat immer das letzte Wort - seit einem Vierteljahrhundert.

Seinen Job an der Spitze plante er mit Schweizer Präzision. Nach der Handelsschule lernt er das Handwerk im Uhrentechnikum Le Locle und bei Rolex. Den Feinschliff bekommt der junge Bucherer beim Juwelier James Walker in London.

Noch heute kommt ein Gentleman daher: perfekt sitzende Gaderobe, goldene Manschettenknöpfe, Maßschuhe und ein beherrschtes Auftreten. Wie die meisten Mitglieder des Schweizer Establishments parliert Bucherer in vielen Zungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch. Standesgemäß wohnt er im Prominentenvorort Meggen am Vierwaldstätter See und im Tessin.

"Auf Reisen gehe ich heute am liebsten mit dem Golfsack", sagt der elastisch wirkende Mann, der nicht nur gerne in der Karibik kreuzt, sondern sich als Reiter, Jäger und auf Skiern die Zeit vertreibt. Und eine Prise Understatement gönnt sich Bucherer, der neben dem Dienst-Mercedes einen Rolls Royce - und einen Ferrari besitzt: In Luzern ist der Milliardär ab und zu höchstpersönlich beim Einkaufen zu sehen.

Überhaupt pflegt der Mann von Welt immer noch ein inniges Verhältnis zur Heimat: Mit Stolz erzählt er, dass "wir hier in Luzern den besten Konzertsaal der Erde haben". Der Liebhaber klassischer Musik hat auch ein Faible für zeitgenössische Kunst. Wer aber seine Gemälde-Sammlung und das Traditionshaus einmal übernehmen soll, ist das Geheimnis des Jörg G. Bucherer. Der vorläufig letzte Spross des Juweliergeschlechts ist kinderlos.

___________________________

VITA

Jörg G. Bucherer wird am 7. Juni 1936 in Luzern als Enkel von Carl Friedrich Bucherer, dem Gründer des gleichnamigen Schweizer Uhren- und Schmuckunternehmens, geboren. Er besucht die Handelsschule in Luzern, Trogen und Lausanne. Er lässt sich im renommierten Uhrentechnikum in Le Locle in der französisch-sprachigen Schweiz ausbilden. Den Feinschliff für seine künftige Rolle im Familienunternehmen holt er sich beim berühmten Juwelier und Uhrenhändler James Walker in London und beim Edeluhrenhersteller Rolex. Danach arbeitet er zunächst in verschiedenen leitenden Positionen im Luzerner Traditionshaus. Bereits 1977 übernimmt er - in dritter Generation - im Alter von 41 Jahren den Vorsitz im Verwaltungsrat . Er ist der letzte der Familie Bucherer, der im Unternehmen arbeitet. Jörg G. Bucherer ist ledig.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%