Der 6ß-Jährige sitzt in vielen Aufsichtsräten
Dieter H. Vogel: Der kühle Diplomat

Seine große Zeit als Thyssen-Chef ist lange passé. Aber bei heiklen Missionen ist Vogel immer wieder gefragt. Jetzt soll er zwischen Mobilcom und France Télécom vermitteln.

Dem 1,93-Meter-Mann reißt der Geduldsfaden: "Herr Schmid, so kommen wir nicht weiter", ruft Dieter H. Vogel den Mobilcom-Chef zur Räson. Mehr als eine halbe Stunde lang geht es im Konferenzraum des "Airport-Hotels" am Hamburger Flughafen schon rund. Aufsichtsratsmitglied Vogel muss mit ansehen, wie der bullig wirkende Firmengründer Gerhard Schmid und der eher schmächtige France-Télécom-Vertreter Eric Bouvier heftig streiten.

Wutentbrannt versucht Schmid, den Franzosen zu überzeugen, gegen die UMTS-Bedingungen zu klagen und die milliardenschweren Lizenzgebühren vom Staat zurückzufordern. Doch er kann sein Gegenüber nicht überzeugen.

Schließlich schaltet sich Vogel ein. Mit einem einfachen Argument bewegt er den Mobilcom-Chef zum Einlenken. Der vornehm wirkende Ex-Vorstandschef von Thyssen macht dem etwas hemdsärmeligen Selfmade-Millionär klar, dass ein kostspieliger Prozess das Ergebnis wäre, was den Aktienkurs der Mobilfunkfirma aus dem norddeutschen Büdelsdorf belasten würde. Dies würde seinen eigenen Geldbeutel belasten. Pikiert zieht Schmid seinen Antrag zurück.

Seit Dienstag muss der kühle Analytiker Vogel beweisen, ob sein diplomatisches Geschick noch Größeres vermag. Auf Wunsch des Bundeskanzlers Gerhard Schröder und des Mobilcom-Aufsichtsrats ist der 60-Jährige ausersehen, um zwischen France Télécom und Mobilcom zu vermitteln. Die Situation ist brenzlig: Der hoch verschuldete Großaktionär France Télécom hat den Geldhahn für die Mobilfunkgesellschaft zugedreht. Die Bundesregierung ist zwar mit Kapitalhilfen von rund 400 Mill. Euro eingesprungen, um die Zahlungsfähigkeit zu sichern. Doch in der EU regt sich Widerstand, ob die Beihilfen ausgezahlt werden dürfen - eine äußerst heikle Mission für Vogel.

Doch der erfahrene Manager schreckt nicht vor schwierigen Aufgaben zurück. Als ihn der Bundeskanzler 1999 bittet, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bahn zu werden, zögert er nicht lange. Auch beim Staatsunternehmen bleibt der Ex-Thyssen-Chef seinen Prinzipien treu: erst messerscharf analysieren und dann entschlossen und konsequent handeln. Schon bald ersetzt er den glücklosen Bahn-Chef Johannes Ludewig durch Hartmut Mehdorn und baut den gesamten Vorstand um.

Aber der Perfektionist Vogel, der seine Rolle als aktiver Kontrolleur versteht, gerät mit dem neuen Bahn-Chef prompt aneinander und tritt schließlich im Frühjahr vergangenen Jahres zurück. Damit ist der ehrgeizige, einst hochgelobte Supermanager zum zweiten Mal in seiner ansonsten makellosen Berufslaufbahn gescheitert.

Sein erster Karriereknick traf ihn viel härter, als es der nach außen kühl und distanziert wirkende Manager damals zeigte. Erst kämpft er als Thyssen-Chef vergeblich gegen den feindlichen Übernahmeangriff des Konkurrenten Krupp. Dann scheitert er 1998 damit, alleiniger Vorstandsvorsitzender des fusionierten Konzerns zu werden. Gleichzeitig muss er sich gegen ein Strafverfahren wegen Veruntreuung von Geldern der Treuhandanstalt wehren. Vogel tritt zurück, das Verfahren wird wenig später eingestellt. Heute sind die Wunden wohl verheilt. Er bezeichnet Thyssen als "eine verflossene Liebe".

Inzwischen bewegt sich Vogel, der Schule und Studium mit Bestnoten absolvierte, meist jenseits des Rampenlichts. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Düsseldorfer Bessemer, Vogel & Treichl GmbH, die sich an mittelständischen Firmen beteiligt. Außerdem sitzt er in den Aufsichtsräten von Mobilcom, ABB und Bertelsmann. Lastet das einen einstigen Top-Manager aus? "20 Jahre Vorstandsvorsitz reichen für ein ganzes Leben", antwortet der verheiratete Vater von zwei Kindern, der mal Opernsänger werden wollte, mit fester Stimme.

Trotzdem wird der einst gefeierte Chef von Pegulan und Thyssen immer wieder als Kandidat gehandelt, wenn Spitzenposten zu besetzen sind - zuletzt der des Nachfolgers des geschassten Telekom-Chefs Ron Sommer. Stattdessen hat Vogel nun eine andere Schlüsselfunktion: als Diplomat bei Mobilcom, zumindest für ein paar Wochen.

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V I T A

Dieter H. Vogel wird am 14. November 1941 in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Nach dem Abitur studiert er Maschinenbau an der Technischen Universität Darmstadt und später an der Technischen Universität München, wo er 1969 sein Studium mit der Promotion abschließt. Er startet seine Karriere bei der Bertelsmann AG. 1975 wechselt er an die Spitze der Pegulan AG. Seinen Posten als Pegulan-Chef verlässt er nach elf Jahren, um 1986 Vorstandschef der Thyssen Handelsunion AG zu werden. Gleichzeitig steigt er in den Vorstand des Mutterkonzerns Thyssen AG auf. Von 1996 bis 1998 ist er Vorstandschef von Thyssen. Nach der Fusion von Thyssen und Krupp scheidet er aus dem Vorstand aus und wird geschäftsführender Gesellschafter des Investmenthauses Bessemer, Vogel & Treichl GmbH, Düsseldorf. Er hat zahlreiche Aufsichtsratsposten.

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