Der Alcatel-Chef gilt als kühler Stratege und knallharter Entscheider
Serge Tchuruk: Frankreichs amerikanischster Manager

Diszipliniert und mit feinem Gespür für das Machbare hat Serge Tchuruk Alcatel in die Spitzengruppe der Telefonausrüster gebracht. Der Kauf von Lucent soll sein Meisterstück werden.

Kollegen nennen ihn hinter vorgehaltener Hand den "Robot-Boss". Es kursieren Gerüchte über fürchterliche Wutausbrüche. Und mancher Journalist fühlt sich von ihm kalt abgekanzelt.

Doch ist das wohl keine angemessene Beschreibung des Mannes, der sich anschickt, Industriegeschichte zu schreiben. In wenigen Jahren hat Serge Tchuruk den einstigen Elektro-Gemischtwarenladen Alcatel zu einem Anbieter zukunftsträchtiger Telefon- und Internet-Netztechnik gemacht. Mit geschickten Zukäufen positionierte er den französischen Konzern in der Spitzengruppe der Branche. Nun setzt der Manager, der als knallharter Entscheider gilt, zu seinem Meisterstück an: Alcatel mit dem Kauf des US-Konzerns Lucent in eine große, wenngleich bewegte Zukunft zu führen.

Serge Tchuruk ist ein Mann mit bewegter Vergangenheit. 1937 in Marseille als Sohn armenischer Flüchtlinge geboren, hat er nicht den üblichen Lebenslauf der Pariser Führungselite vorzuweisen. Vielleicht ist gerade das die Grundlage seines Erfolgs.

Nach seiner Schulzeit studiert er an die Militärhochschule Polytechnique. Anschließend wechselt er, von der Raketenentwicklung fasziniert, auf die Höhere Schule für Waffentechnik. Gegen Ende der Ausbildung heiratet Tchuruk 1960 seine Frau Helena. Sie war schon als Kind mit ihren Eltern aus Polen nach Frankreich gekommen. Doch es ist die Zeit des kalten Krieges, und Tchuruk muss wegen der Verbindung zu einer Frau aus einem kommunistischen Land der Laufbahn als Waffentechniker adieu sagen.

Englisch ist bei Alcatel Konzernsprache - Tchuruk weiß warum...

Er zieht in den Algerienkrieg und lernt dort unter einem araberfreundlichen Offizier den Konflikt von einer anderen, für Frankreich wenig schmeichelhaften Seite, kennen. So reift der Entschluss in ihm, nach der Rückkehr ins Zivilleben ins Ausland zu gehen.

Von 1964 an ist er 15 Jahre lang für den US-Ölriesen Mobil in den USA und in den Niederlanden tätig. Er eignet sich in dieser Zeit ein für französische Manager exzellentes Englisch an und lernt die Umgangsformen im amerikanischen Geschäftsleben kennen - ein unschätzbarer Vorteil bei seinen späteren Akquisitionen mit Alcatel in den USA. Nicht zufällig ist Tchuruk heute der bisher einzige Spitzenmanager in Paris, der seinem Unternehmen Englisch als Konzernsprache verordnet und einen Amerikaner zur Nummer zwei im Konzern ernannt hat.

Ein Headhunter bringt ihn nach Paris zurück: Als Nummer drei fängt er beim Chemie- und Pharmakonzern Rhône-Poulenc an - und gerät kurz darauf in die Verstaatlichungswelle der frühen Ära Mitterrand hinein. Spätestens in jener Zeit bildet sich das heraus, was Menschen in seiner Umgebung als "gewisses Unbehagen im Umgang mit Politikern" bezeichnen.

Tchuruk schlägt das Angebot, bei Rhône-Poulenc an die Spitze aufzusteigen aus und wechselt zu der völlig abgewirtschafteten kleinen CdF-Chimie. In diesen vier Jahren, die er jüngst als die beste in seiner Karriere bezeichnete, gewinnt er einen kleinen Kreis verschworener Mitarbeiter, von denen ihm manche heute direkt zuarbeiten.

Total vor dem Zusammenbruch gerettet

Mit der Sanierung der CdF empfiehlt er sich für die Rettung des zweitgrößten französischen Ölkonzerns Total. Der steht damals kurz vor dem Zusammenbruch. Tchuruk packt die Herkulesaufgabe an und bereitet, ohne es zu ahnen, mit dem Umbau der Gruppe in einen vertriebsstarken Ölkonzern nach US-Muster den Boden für die Übernahme des Ölkonzerns Elf.

Erst seit 1991 heißt Serge Tchuruk mit Nachnamen Tchuruk. Nach langem Tauziehen mit den französischen Behörden darf er den zweiten Teil seines armenischen Nachnamens streichen. Der sei einfach zu lang und zu schwer auszusprechen gewesen, lautet seine trockene Begründung.

Überhaupt macht er um seine Person wenig Aufhebens: Seine Anzüge haben schon manche Mode überdauert. Öffentliche Auftritte meidet er, absolviert sie aber, wenn es sein muss, routiniert. Einen Visionär mag er sich nicht nennen, stattdessen spricht er ab und an von ein paar kleinen Ideen, die er habe realisieren können.

Wie er überhaupt sein Privatleben streng von seinen beruflichen Auftritten trennt. Die Woche über in einem Appartement in Paris, verbringt er viele Wochenenden in einem Haus auf dem Land vor den Toren von Paris.

Nur eine Vorliebe mag er nicht verbergen. Aus der Musik von Johann Sebastian Bach, so sagen Leute, die ihm nahe stehen, schöpft er Kraft.

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