Der Amerikaner Alex Osborne entwickelte die Kreativtechnik in den 30er Jahren
Brainstorming ist besser als sein Ruf

Chefs missbrauchen Brainstorming oft, um ihre eigenen Ideen durch- zusetzen. Eine simple, aber sehr wirkungsvolle Technik ist so in Verruf geraten.

Machen wir doch ein Brainstorming!" Nichts hasste Tina Bock so sehr wie diesen Satz. Denn wenn ihr Chef das Team mit diesen Worten zusammentrommelte, dann war der Diplom-Kauffrau eines klar: Es gab langatmige Konferenzen, in der jeder etwas sagt, alle zu allem ein Urteil hatten und am Ende nichts herauskam. Der Chef tat dann doch, was er wollte.

Alltag in vielen deutschen Unternehmen. Allerdings haben diese Übungen wenig mit der Kreativtechnik zu tun, die der Amerikaner Alex Osborne unter dem Namen "Brainstorming" in den 30er Jahren entwickelte. Das seien vielmehr Alibi-Veranstaltungen, sagt Eva-Maria Schumacher, Leiterin der Hochschuldidaktischen Weiterbildung im Institut für Verbundstudien in Hagen. "Die Führungsebene versucht, den Mitarbeitern das Gefühl zu vermitteln, dass sie mitreden dürfen", sagt Schumacher. Tatsächlich aber dienten sie dazu, Entscheidungen der Chefs zu legitimieren.

Eva-Maria Schumacher weiß, dass gerade diese Alibi-Veranstaltungen dazu beigetragen haben, "Brainstorming in Verruf zu bringen". Gleichwohl hält die Diplompädagogin die Methode für eine der besten, um neue Ideen für den betrieblichen und unternehmerischen Alltag zu finden.

Nur die erste von drei Stufen

"Brainstorming ist eine geniale Kreativitätstechnik, eben weil sie so simpel ist", sagt auch Kreativitätstrainer Michael Luther. Wer ein paar Spielregeln beachtet, für den sei die Methode leicht zu erlernen. Die wichtigste Regel: "Quantität geht vor Qualität." Will heißen: Die Teilnehmer dürfen, ja müssen hemmungslos sein. Je schräger die Idee, desto besser. Sachzwänge wie Kosten, Aufwand, selbst gute Sitten sind für eine Weile hintenan gestellt. Hauptsache, die Vorschläge sprudeln. "Es muss ein Feuerwerk der Ideen entstehen", so Luther. Die Masse zählt. Vorschläge von anderen Teilnehmern weiter spinnen, gemeinsam die Fesseln der Konventionen abstreifen, heißt die Devise. "Thinking out of the box" heißt das in Amerika. Kritik ist zu diesem Zeitpunkt unerwünscht.

"Ein Brainstorming ist nur dann erfolgversprechend, wenn es die erste von drei Phasen ist", sagt Luther. An zweiter Stelle analysieren die Teilnehmer alle Vorschläge und beurteilen sie. Kritik sollte sachlich bleiben - unkonventionelle Ideen brauchen zivilisierten Umgang. An dritter Stelle diskutieren die Teilnehmer dann die praktische Umsetzung, legen die Ergebnisse in einem Maßnahmenkatolog fest. "In dieser Phase sind neue Vorschläge tabu", so Luther. Maximal 30 Minuten dauert das Brainstorming im Idealfall, sagt Eva Maria Schumacher, mehr als 15 Personen sollten nicht beteiligt sein. Möglichst leitet nicht der Chef die Sitzung, sondern ein externer Trainer oder jemand aus der Gruppe. Genau das wird oft falsch gemacht, wie Tina Bock noch gut weiß. Es war der Chef, der die Runde moderierte, und er gehörte zu den Ideenkillern erster Güte. "Er hatte bestimmte Vorstellungen, und was da nicht reinpasste, wurde gar nicht erst diskutiert", sagt Schumacher.

Auch die Atmpshäre ist entscheidend

Nicht der einzige Weg, Kreativität zu behindern: "Viele Teams hören zu früh auf", sagt Schumacher. Meist laufe das Brainstorming sehr flott an, die Ideen sprudelten. Danach sackt die Motivation ab, die Beiträge tröpfeln nur noch. Es ist die Aufgabe des Moderators, wieder Schwung in die Runde zu bringen. Erst dann, nach der Anfangsphase, kommen die ungewöhnlichen, unkonventionellen Gedanken.

"Entscheidend ist auch die Atmosphäre", sagt Luther, "sie muss eine geistige, und wenn nötig auch körperliche Beweglichkeit ermöglichen. Warum nicht ein Brainwalking veranstalten?" Bei einem Brainwalking wandern die Teilnehmer mit einem Stift bewaffnet von Flip-Chart zu Flip-Chart und listen dabei ihre Ideen auf.

Um einen freien Fluss der Assoziationen zu sichern, gibt es laut Didaktik-Expertin Schumacher verschiedene Techniken. Zum Beispiel die "Methode 66": Kleine Gruppen von sechs Leuten sammeln jeweils sechs Minuten lang Ideen zu einer bestimmten Frage, die sie auf einem Zettel notieren. Er wird anschließend an die nächste Kleingruppe weitergegeben, die wiederum sechs Minuten nachdenkt und aufschreibt. So kommen einige Ideen zusammen. Der Vorteil: Am Ende ist nicht mehr ersichtlich, wer was gesagt hat - mögliche Kritik ist ausgeschaltet.

Anders funktioniert die so genannte "Little Technik". Ihr Charme besteht darin, dass sie das Thema verfremdet. Ist Ziel des Brainstormings zum Beispiel, wie ein Team erfolgreicher zusammenarbeiten soll, dann lautet die erste Frage: Was müsssen die Teammitglieder tun, um Erfolg auf jeden Fall zu vermeiden. Erst wenn das geklärt ist, wird die Frage umgekehrt. "Das verblüfft die Gruppenmitglieder derart, dass sie den Weg für neue Ideen öffnet", sagt Eva Maria Schumacher.

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