Der amerikanische Ölexperte Lawrence Goldstein über die Gefahr einer neuen Ölpreiskrise
Energieexperte Goldstein: „Aufregung im Markt“

Der amerikanische Ölexperte Lawrence Goldstein über die Gefahr einer neuen Ölpreiskrise.
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DÜSSELDORF. Herr Goldstein, wieso kann der Irak, der selbst unter Sanktionen steht, den Ölpreis so nach oben treiben?

Das kann er nur kurzfristig. Gegen Saddam Hussein wirken die sechs Millionen Fass Ölreserven in den Vorratslagern der Industriestaaten und die Saudis. Die sind in der Lage und willens, den irakischen Produktionsausfall zu ersetzen. Saddam ging es sowieso nicht um den Ölmarkt oder eine Bestrafung der USA, sondern um seine politische Position. Die arabischen Massen sollen ihm zujubeln und ihre Regime zwingen, ihn vor einem bevorstehenden amerikanischen Angriff zu schützen.

Und was passiert, wenn viele arabische Ölproduzenten jetzt ihre Verbundenheit mit dem Irak und den Palästinensern bekunden?

Das ist möglich, aber unwahrscheinlich. Es sieht vielmehr danach aus, als ließen die Saudis zum Ersatz für das irakische Öl weitere amerikanische Öltanker in ihre Häfen.

Wirklich? Einige amerikanische Ölkonzerne, die bisher irakisches Öl gekauft haben, klagen über mangende Bereitschaft der Saudis, in die Bresche zu springen.

Nein - die Saudis haben schon während der vergangenen Monate in aller Heimlichkeit ihre Produktion erhöht. Nach ihrer Opec-Quote sollten sie sieben Millionen Fass pro Tag produzieren, tatsächlich sind es heute ungefähr 7,3 Millionen, die sie dem Weltmarkt zuführen. Für die nächsten Monate ist natürlich vieles denkbar, aber eins bleibt sicher: Öl ist weniger eine politische Waffe als ein Handelsgut, gerade auch für die Saudis.

Was bedeutet das für den Ölpreis?

Er wird sich nach ökonomischen Kriterien bewegen, wie in den vergangenen Monaten auch. Eine Preisexplosion aus politischen Gründen - das ist ein Szenario mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit. Natürlich können Sie sich ausmalen, dass jemand die Straße von Hormuz blockiert. Aber das wäre eine Kriegserklärung an den Westen und die Industriestaaten würden entsprechend reagieren, auch militärisch.

Die USA würden intervenieren...

Nicht nur die USA. Japan wäre schwer getroffen, Ostasien insgesamt; das kann sich niemand leisten. Es gäbe dann wieder eine Koalition wie 1990 gegen den Irak.

Diesmal könnte sich der Iran auf die Seite des Irak stellen.

Nein. Die Iraner sind in einer ganz anderen Situation als der Irak. Saddam beliefert vor allem US-amerikanische Ölfirmen, die nach amerikanischem Recht aus dem Iran kein einziges Fass importieren dürfen. Ein politisch motiviertes Ölembargo ist schon darum für den Iran kaum denkbar. Wenn die ganze Aufregung am Markt verschwindet, wird sich auch der Ölpreis stabilisieren.

Dennoch ist der Ölpreis seit Jahresbeginn um ungefähr 30 Prozent gestiegen...

Ja, aber nicht nur aus politischen Gründen. Im März stieg er um acht bis zehn Dollar pro Fass. Ein Hauptgrund dafür war das Verhalten der Hedge-Fonds und der so genannten Non-Commercials am Ölmarkt.

Also der spekulativ orientierten Käufer und Verkäufer...

Ja. Sie sahen, dass sich die US-Wirtschaft erholt und die Opec immer wieder die Förderung ein wenig drosselt. Also setzten sie auf steigende Preise ab Mai oder Juni und schlossen auf den Future-Märkten schon im Januar und Februar 40 bis 60 Millionen entsprechende Termingeschäfte ab. Das trieb im März den Ölpreis dramatisch nach oben.

Und was bedeutet das für die Zukunft?

Seit kurzem haben die Hedge-Fonds begonnen, Long-Positionen zu liquidieren. Sie meinen, die Ölpreise seien hinreichend gestiegen und setzen wieder auf fallende Preise. Nun hat ein großer Ausverkauf eingesetzt. Die Meinung ist: Egal, was im Irak oder auch in einem Krisenland wie Venezuela politisch passiert, die Machthaber werden auf mittlere Sicht ihr Öl dem Weltmarkt nicht vorenthalten. Also stabilisiert sich der Preis.

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