Der Aristokrat des Friedens: Der französische Außenminister im Porträt
Dominique de Villepin spielt mit hohem Risiko

Stunden muss Dominique de Villepin an diesem Tag schon gesessen haben: am Schreibtisch, in der Morgenrunde mit seinen engsten Mitarbeitern, im Gespräch mit seinen Kollegen aus Berlin und Moskau, Joschka Fischer und Igor Ivanov. Aber die dunkelgraue Anzughose von Frankreichs Außenminister sieht aus, als sei sie eben erst gebügelt worden. 190 Zentimeter über dem Saum blitzen de Villepins blaue Augen in die Kameras, die sich im vergoldeten Prunksaal seines Ministeriums aufgebaut haben.

PARIS. Wenn es um Krieg und Frieden geht, ist die Uno un-um-gäng-lich." Jeder der vier Silben versieht de Villepin mit soviel Schwung, dass sie es bis zu ihrem Adressaten im Weißen Haus zu Washington locker ohne Mikrofon schaffen würden.

Wenn heute der Uno-Sicherheitsrat in New York über den neusten Irak-Bericht von Waffenchefinspektor Hans Blix berät, wird sich de Villepin erneut makellos aus der Affäre zu ziehen suchen. Damit er dabei auch bemerkt wird, trotzte der Franzose seinem US-Kollegen Colin Powell ab, dass die Weltöffentlichkeit dem Sicherheitsrat live lauschen darf, denn sie ist der wichtigste Verbündete de Villepins gegen den Kriegskurs der USA.

Aber mit seinem Beharren geht de Villepin auch ein hohes Risiko ein: politisch und persönlich. Denn Dominique Marie François René Galouzeau de Villepin ist nicht nur die Stimme seines Herrn, Präsident Jacques Chiracs; er ist auch der Stratege hinter Frankreichs Irakpolitik. Er war es, der seinem Chef im September 2002 riet, zwei neue Irak-Resolutionen vorzuschlagen: die erste für die Rückkehr der Inspektoren; die zweite - wenn nötig - zur Autorisierung eines Angriffs. So kam Chirac US-Präsident George W. Bush zuvor und zwang die Supermacht zurück an den runden Verhandlungstisch in New York.

Seitdem treibt das Duo Chirac/de Villepin mit ihrer unbeirrten Forderung einer friedlichen Entwaffnung Saddam Husseins Amerikas Diplomaten die Wände hoch. Aber, wie Chirac selbst zugibt, "die Zeit der Entscheidung naht" - auch für seinen Außenminister. Setzt sich Frankreich durch, stehen de Villepin die Türen zur höchsten Macht offen. Scheitert er, nützte ihm auch ein guter Schneider nur wenig.

Kein französischer Minister hat ein so enges Verhältnis zu Chirac wie der 49-Jährige. De Villepin sei "wie ein Sohn" für ihn, schwärmte Chirac, 70, einmal. Chirac holte den Juristen, Literaturwissenschaftler, Spitzendiplomaten und Autor von Gedichtbänden an seine Seite. Von 1995 bis Mai 2002 war de Villepin als Generalsekretär im Präsidentenpalast Chiracs rechte Hand.

Nicht immer lag der brillante de Villepin, dem Mitarbeiter wegen seines aufbrausenden Wesens den Spitznamen "Vulkan" verpassten, richtig. 1997 riet er Chirac, das Parlament aufzulösen. Ein böser Fehler: Die Wahl ging verloren und Chirac musste fünf Jahre lang jeden Mittwoch zur Kabinettssitzung die Minister der Linkskoalition in seinem Palast ertragen. Ritterlich bot Aristokrat de Villepin seine Demission an. Aber der Präsident lehnte ab. Und nach seiner Wiederwahl 2002 machte Chirac den Diplomatensohn, der in Rabat geboren wurde und in Caracas und New York aufwuchs, zum Außenminister.

Aber der zuweilen zwischen Arroganz und Charme oszillierende Überflieger erntet zunehmend Widerstand. Schon streuen die ersten Kassandras im Regierungslager, mit seinem Irakkurs werde de Villepin zum Wiederholungstäter. Am Ende müsse Frankreich doch auf den Kriegszug aufspringen, um seinen Einfluss in der Uno und in Nahost zu sichern. Dann sei Chiracs Glaubwürdigkeit endgültig zerstört, fürchtet etwa der Abgeordnete Pierre Lellouche. Ein zweites Fiasko würde Chirac seinem Vertrauten wohl kaum verzeihen.

Aber noch ist es nicht so weit. Heute will de Villepin erneut einen Triumph feiern wie vor drei Wochen: "Niemand kann heute schon sagen, dass der Weg des Krieges kürzer sein wird als der der Inspektionen", mahnte Frankreichs Chefdiplomat. "Als altes Land, das Frankreich ist, und als alter Kontinent, der Europa ist, kennen wir Krieg, Besetzung, Barbarei. Deshalb räumen wir der friedlichen Entwaffnung Vorrang ein." Die Mehrheit des Sicherheitsrats applaudierte spontan. US-Kollege Powell musste anerkennen: Dieser Franzose hat Format.

Auch für Höheres? "Wenn Chirac 2007 nicht noch einmal zur Präsidentschaftswahl antritt, wird es de Villepin tun", sagt ein Diplomat. Der Minister, der noch nie einen Wahlkampf bestritt, ließ zwar wissen, diese "Versuchung" verspüre er nicht. Aber ob der Aristokrat, der Saddam Hussein friedlich entwaffnete, dem Ruf der Macht widerstünde?

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