Der Ausstieg der Schweden verweist auf raueres Klima in der Telekomindustrie
Ericsson ist ein Alarmsignal für die Branche

DÜSSELDORF. Eine angenehme Lektüre ist er nicht, der Geschäftsbericht des mit Abstand größten schwedischen Unternehmens Ericsson. Stellenweise liest er sich wie eine böse Prophezeiung. Zwar ist das Handyproblem des skandinavischen Telekommunikationsriesen hausgemacht; eine verfehlte Modellpolitik, ein Design, das den Namen kaum verdient, und viel zu hohe Produktionskosten - das hätte die Ericsson-Leitung schon vor über einem Jahr erkennen müssen. Die jetzt beschlossene Produktionsauslagerung löst das Problem indes nur teilweise. Denn Entwicklung, Design und Vertrieb wollen die Schweden behalten. Dabei waren es diese Bereiche, die Ericsson zuletzt fast 100 DM je verkauftes Telefon zuschießen ließen.

Auch das nächste Kapitel liest sich nicht besser. Zwar konnte Ericsson seine Weltmarktführung im Bereich der Mobilfunksysteme, also der Netzwerke, weiter ausbauen; doch signalisiert der Konzern eine Nachfragedämpfung, einen höheren Preisdruck und deutlich steigende Entwicklungskosten. Gleichzeitig haben sich viele der Großkunden von Ericsson & Co., die Telekomkonzerne, nicht nur durch unverhältnismäßig hohe UMTS-Auktionsmilliarden überhoben. Der Expansionszug hat bei vielen so an Fahrt zugenommen, dass Ratingagenturen schon deren Kreditwürdigkeit prüfen.

Damit entsteht leicht das Bild einer Branche am Wendepunkt: Manch einer der Telekommunikationskonzerne scheint die Milliarden für einen raschen Ausbau der UMTS-Netze nicht mehr selbst aufbringen zu können. "Wir sind keine Bank", hat Ericsson-Chef Kurt Hellström dazu mehrfach betont - man hört die Worte wohl, allein es fehlt der Glaube. Denn im Fall der deutschen Mobilcom scheint Ericsson deren gesamten UMTS-Netzausbau zu finanzieren. Auch die spanische Telefónica Moviles mit dem finnischen Partner Sonera verhandelt derzeit mit Lucent, Siemens und einem dritten Konzern über eine Finanzierungshilfe für den Bau ihres deutschen UMTS-Netzes. Es ist die Rede von jeweils zwei Milliarden Euro, mit denen die Ausrüster dem Konsortium unter die Arme greifen wollen. Das heißt, neue Belastungen und Risiken kommen auf die Branche zu.

Die makroökonomischen Signale der vergangenen Wochen lassen auch nichts Gutes ahnen. Weltweit gebremstes Wachstum fördert die Spendierfreude jedenfalls nicht. Wohl auch darum haben Nokia, Motorola und zuletzt Ericsson die Erwartungen hoher Handy-Wachstumsraten gedämpft. Eine baldige Sättigung des Marktes scheint erreicht, in der zweiten Jahreshälfte dürften bis zu 80 Prozent aller weltweit verkauften Handys nur noch Austauschgeräte sein.

Nach Wap, das sich wegen falscher Verheißungen vom mobilen Internetzugang zu einem Debakel entwickelt hat, bricht nun der Zwischenstandard GPRS über uns herein. Allein die Geräte fehlen. Wenn die neuen Handys aber in großen Stückzahlen kommen, wird schon eifrig an den UMTS-Netzen gebaut. Warum also auf die zweieinhalbte Mobilfunkgeneration setzen, wenn die dritte vor der Tür steht?

Branchenführer Nokia, der morgen die Jahreszahlen veröffentlicht, und Siemens, die übermorgen folgen, zählen derzeit zu den Siegern. Aber schon naht neue Konkurrenz: Die asiatischen Handy- und Netzwerkhersteller stehen bereit. Dies kann nur eins bedeuten: Das Klima wird noch rauer.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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