Der Autozulieferer Hella gründet einen Personaldienstleister
Das atmende Unternehmen verschafft sich Luft

Mit der Beschränkung zeitlich befristeter Arbeitsverhältnisse hat Rot-Grün den Unternehmen einen flexiblen Einsatz von Personal erschwert. Das Beispiel des Autozulieferers Hella zeigt: Die auf Drängen der Gewerkschaften umgesetzte Reform sichert nicht reguläre Jobs, sondern verstärkt den Trend zur Zeitarbeit.

LIPPSTADT. Warum ausgerechnet Lippstadt? "Stimmt", bestätigt Götz- Michael Ungerer, Chef der Arbeit-am AG-Markt in Stuttgart und Berater in Sachen Personaldienstleistung. "Rein theoretisch gäbe es bessere Standorte." Die schwäbische Maschinenbau-Region oder das Ruhrgebiet würden etwa gute Labore für neue Zeitarbeitskonzepte abgeben. Schließlich funktioniert eine flexible, passgenaue Stellenbesetzung umso besser, je mehr Arbeitskräfte und-plätze verfügbar sind.

Eigene Zeitarbeitsfirma soll Folgen rot-grüner Arbeitsmarktpolitik entschärfen

Doch wenn der Gesetzgeber nachhilft, indem er bestehende Spielräume für passgenauen Personaleinsatz beschränkt, kehren sich die Verhältnisse manchmal um. Ungerer fand den Partner zur Umsetzung seiner Idee jedenfalls in Gestalt der Hella KG Hueck & Co. in Lippstadt, und damit im mäßig dicht besiedelten Landstrich zwischen Sauer- und Münsterland: Nun engagiert sich der Autozulieferer, der durch seine Scheinwerfer bekannt ist, als Personaldienstleister. Mittels einer eigenen Zeitarbeitsfirma will Hella die Nebenfolgen rot-grüner Arbeitsmarktpolitik entschärfen.

"Bei uns dreht sich alles um das Konzept des atmenden Unternehmens", erläutert Personalleiter Manfred Siebert - also eine flexible Kapazitätssteuerung je nach Auftragslage. Doch als Folge der vor einem Jahr eingeführten Beschränkung befristeter Jobs drohte dem "atmenden Unternehmen" Atemnot. Und von der Wettbewerbsfähigkeit seiner Produkte hängen am Hauptsitz Lippstadt immerhin die Jobs von 7 000 festen Mitarbeitern ab.

Beschäftigung auf Zeit nur einmal möglich

Nach dem neuen Befristungsgesetz dürfen Unternehmen eine Arbeitskraft im Regelfall nur noch einmal auf Zeit beschäftigen. Da es für Hella zum Atmen gehört, dass mal mehr und mal weniger Menschen im Betrieb arbeiten, hätte dies über kurz oder lang den Zugang zu verlässlichem Zusatzpersonal abgeschnitten: Sobald jemand eine befristete Anstellung hinter sich hat, steht er trotz Know-how-Vorsprung vor anderen Kandidaten laut Gesetz für eine weitere Anstellung auf Zeit nicht mehr zur Verfügung.

Auf die neue Lage reagiert Siebert frelich nicht so, wie es sich manche Arbeitsmarktreformer wünschen: Statt wieder mehr Stammpersonal zu beschäftigen, weicht er auf Zeitarbeit aus. Die neue Avitea GmbH, deren Geschäftsführer Siebert zugleich ist, soll daher die Leute zur befristeten Überlassung an verschiedene Arbeitgeber bereithalten - die besten vorzugsweise an Hella.

Projekt soll bald starten

Das Projekt soll in diesen Tagen mit zunächst 35 Mitarbeitern starten. Avitea qualifiziert, vermittelt und bietet weiteren Service für Unternehmen: Übersetzungsdienste, Betriebsararzt, Sicherheitsmanagement - Leistungen, bei denen kostensparende Größenvorteile anfallen, wenn man sie zentral organisiert. Insgesamt, so Siebert, lasse sich dies von Beginn an wirtschaftlich betreiben. Und umso besser, je mehr Betriebe das Netzwerk nutzen. Vorerst ist neben der Arbeit- am AG-Markt auch der Autozulieferer Behr GmbH & Co mit einem kleinen Gesellschaftsanteil dabei.

Belegschaft reagiert nicht euphorisch

Die angestammte Hella-Belegschaft reagiert auf Avitea freilich alles andere als euphorisch. "Für uns ist das ein großes Dilemma", sagt Gesamtbetriebsratschef Hans-Dieter Marr. Natürlich sei es für diejenigen, die bisher zwischen befristeten Jobs und Arbeitslosigkeit wechseln mussten, von Vorteil, wenn sie nun beim Personaldienstleister fest angestellt würden. Aber der Hella-Belegschaft drohe nun Lohnkonkurrenz, da für Avitea nicht der Tarifvertrag der Metallindustrie gilt. "Da kommen Leute mit brutto 250 Euro weniger in den Betrieb", weiß Marr.

Zwar ist die Stammbelegschaft für die nächsten fünf Jahre durch einen Zusatztarifvertrag zwischen Hella und der IG Metall vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt, was einen gezielten Austausch von Personal verhindert. Marr macht sich aber "keine Illusionen": Neueinstellungen zu Hella-Konditionen werde es kaum noch geben. Bei allem Verständnis für die Interessen befristet Beschäftigter urteilt der Betriebsratschef daher über das neue Befristungsgesetz nicht weniger skeptisch als über Reaktion seines Arbeitgebers: "Was die Politik da gemacht hat, war gut gemeint. Nur ist es in der Praxis nicht durchführbar."

Rainer Lorenzen, Direktor des örtlichen Arbeitsamts, sieht das neue Geschäftsfeld des Autozulieferers mit viel Sympathie. Wie Hella-Manager Siebert streicht er die Vorteile gegenüber unabhängigen Zeitarbeitsfirmen heraus: "Die Nähe zwischen Dienstleister und Produktionsbetrieb schafft Sicherheit für die Zeitkräfte und erhöht ihre Chance, sich für eine festen Stelle zu empfehlen."

Lorenzen sieht in dem Projekt den "Nukleus" für eine ganze "atmende Region". Wenn es nach ihm geht, dann wird Avitea dafür sorgen, dass Zeitarbeit nach und nach auch für die kleineren Betriebe zwischen Sauer- und Münsterland zu einer festen Größe wird.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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