Der Bosch-Chef sucht seinen Nachfolger
Hermann Scholl: Der Konservative mit den revolutionären Plänen

Er hat sich für die nächsten zwei Jahre an der Bosch-Spitze viel vorgenommen. Er will die technologische Spitzenposition des Autozulieferers verteidigen und die Mitarbeiter zu Unternehmern formen. Heute legt Hermann Scholl in Stuttgart die Bilanz der Gruppe vor.

GERLINGEN. Spitzenleistungen der Ingenieurskunst begeistern den Bosch-Chef Hermann Scholl. Besonders die Dieseleinspritzpumpe und ihre Genauigkeit, mit der sie in Bruchteilen von Sekunden arbeitet, haben es dem sonst spröden und etwas steifen Manager angetan. Hier wird der knapp 66-Jährige beredt. Sein Technikerherz kann der promovierte Ingenieur auch acht Jahre nach seinem Amtsantritt als "F1" in der Führungshierarchie des Stuttgarter Elektronikkonzerns Robert Bosch GmbH nicht leugnen.

Im Alltag muss Scholl jedoch seine Kraft für andere Themen einsetzen. Zwar läuft sein Vertrag noch bis 2003. Aber spätestens im kommenden Jahr muss er seinen Nachfolger präsentieren. Das wird auf der Schillerhöhe in Stuttgart, dem Sitz der Geschäftsführung, von ihm erwartet.

Scholl verpasst Bosch eine Modernisierungskur

Der anstehende Generationswechsel ist aber nicht die einzige große Aufgabe, die er bewältigen muss: Bosch versucht derzeit, mit Milliarden schweren Investitionen zum Beispiel in der Dieseleinspritztechnologie seine führende Position abzusichern. Und eine interne Kulturrevolution soll den Zulieferer mit dem etwas angestaubten Image modernisieren. Scholl und seine Geschäftsführungskollegen legen sich mächtig ins Zeug, um die weltweit etwa 200 000 Beschäftigten zum Umdenken zu bewegen: Aus den Mitarbeitern sollen Unternehmer werden, die eigenständig entscheiden und den Kunden in den Mittelpunkt stellen.

Es wäre zwar denkbar, dass Scholls Vertrag verlängert wird. Bei Bosch gingen die Uhren schon immer etwas anders. Scholl ist erst der fünfte Chef an der Spitze des über 110 Jahre alten Autozulieferers. Sein legendärer Vorvorgänger Hans L. Merkle war erst mit 71 Jahren in den Aufsichtsrat gewechselt.

Industrietreuhand KG ist das Machtzentrum

Gottvater Merkle, wie er bei Bosch hieß, hat auch gezeigt, dass man nicht Geschäftsführer sein muss, um Einfluss auszuüben. In den 60er-Jahren sind fast alle Stimmrechte des Stiftungsunternehmens auf die Industrietreuhand KG übertragen worden. Sie ist seither das eigentliche Machtzentrum von Bosch - ein Gremium, in dem die zwei wichtigsten Bosch-Geschäftsführer, der Aufsichtsratschef und externe Manager über den Konzern entscheiden. Der Aufsichtsrat selbst hat nicht viel zu sagen.

Scholl gibt in der Industrietreuhand als persönlich haftender Gesellschafter den Ton an. Seit dem Tod seiner einflussreichen Vorgänger Merkle und Marcus Bierich im vergangenen Jahr gilt dies umso mehr. Seither ist Scholl, der 1962 bei Bosch in der Vorentwicklung Kraftfahrzeugtechnik anfing und seit 1978 in der Geschäftsführung sitzt, lockerer geworden. Seine Angst vor Grammatikfehlern in Mitarbeiterbriefen habe nachgelassen, schmunzeln Insider. Das Diktat Merkles, der penibel auf solche Dinge achtete, verblasse. Bis vor kurzem war Bosch gegenüber den Kunden der Autoindustrie extrem zurückhaltend. Jetzt kündigt Scholl in der Hauspostille Bosch-Zünder an: "Mit technischer Kompetenz allein und vornehmer Zurückhaltung können wir heutzutage keine ertragreichen Geschäfte machen."

Gute Chancen für die "jungen Wilden"

Erstaunlich ist für Beobachter, dass auf der Schillerhöhe die Nachfolge kein großes Thema ist. Machtspiele der Jüngeren seien nicht festzustellen, ist zu hören. Wegen der großen technologischen Umwälzungen wird damit gerechnet, dass wieder ein Techniker an der Spitze stehen wird - und dass er von innen kommt. Scholl äußerte einmal, dass der neue Chef so jung sein müsse, dass er zehn Jahre amtieren könne. Damit scheidet Stellvertreter Tilman Todenhöfer aus. Der Arbeitsdirektor wird bei Scholls Vertragsende 60 Jahre alt - die Altersgrenze für normale Geschäftsführer. Finanzchef Claus Dieter Hoffmann feiert 2002 seinen 60. Geburtstag.

Der Generationswechsel bietet also gute Chancen für die "jungen Wilden" - wie die jüngeren in der Geschäftsführerriege im Bosch-Slang spöttisch tituliert werden. Das Nachfolgerprofil als Techniker erfüllen Stephan Rojahn, 52, der inzwischen die Geschäftsführungssitzung der wichtigsten Sparte Kraftfahrzeugtechnik leitet, Bernd Bohr, 45, und mit Einschränkung der Wirtschaftsingenieur Franz Fehrenbach, 51. Der Technikfreak und Familienmensch Scholl, der gelegentlich auch Inliners anzieht, darf bis zu seinem 80. Geburtstag seinem Nachfolger auf die Finger schauen. Merkle jedenfalls war bis zu diesem Alter im Machtzentrum Industrietreuhand persönlich haftender Gesellschafter.

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