Der „Boss" starb wenige Wochen vor der Film-Premiere
Der Held im heimischen Wohnzimmer

Heute hat der Kinofilm "Wunder von Bern" in Essen Premiere - Produzent Hanno Huth erinnert sich an den Torschützen Helmut Rahn.

ESSEN. Natürlich wusste ich, wer der Boss war in Essen. Helmut, der Held von Bern. Rahn, der schießen musste in der 84. Minute im Wankdorfstadion, und der schoss, und zwar das wichtigste Tor in der Geschichte des deutschen Fußballs. Das 3:2 im WM-Finale gegen Ungarn an jenem Sonntag im Juli 1954, drei Tage vor meinem ersten Geburtstag. Allerdings habe ich Helmut Rahn nie live spielen sehen.

Als ich ab Mitte der Sechziger zu den Spielen von Rot-Weiß Essen ging, hießen die Helden schon anders. Zunächst Willi Lippens, der watschelnde Holländer, der, soweit ich weiß, heute ein Landgasthaus zwischen dem Ruhrgebiet und Westfalen betreibt, in dem man die alten Geschichten noch hören kann. Dann Manni Burgsmüller und Horst Hrubesch. Die Auftritte von Helmut Rahn in meiner Kindheit und Jugend waren ganz privat. Wenn seine Frau Gerti "nach dem Turnverein" auf ein Likörchen bei meiner Mutter vorbeikam, wurde sie von ihrem Mann abgeholt. So lernte ich Helmut Rahn, nicht auf dem Platz, sondern im heimischen Wohnzimmer kennen, buchstäblich als den Mann von nebenan. Nebenan waren auch die Kneipen, in denen er immer wieder das Tor erzählte.

Helmut Rahn war einer von drei genialen Menschen, die ich in meiner Essener Zeit kennen lernen durfte. Dem Stürmer folgten Maler Martin Kippenberger und der Musiker und Komödiant Helge Schneider. Mit Helge machte ich später Filme. Als Sönke Wortmann mit seiner Idee vor vier Jahren zu mir kam, war das Tor für ihn sofort weit offen. Das "Wunder von Bern" spielt in der Stadt Helmut Rahns und in dem Milieu, in dem er groß war, während ich dort zu wachsen anfing. Der Film über das Ereignis, an das man sich sogar zu erinnern glaubt, obwohl man zu dieser Zeit noch gar nicht auf der Welt war, der Film über ein sportliches Wunder, dem ein wirtschaftliches folgte (wie auch immer das zusammenhängen mag) - dieser Film erzählt nicht nur eine Geschichte aus Essen. Dieser Film hat heute in Essen Premiere, weil wir hofften, Helmut Rahn als Ehrengast dabei zu haben. Doch der Boss wird nie mehr antreten, zwei Monate vor Start des Filmes ist er gestorben. Wir feiern die Premiere in der Essener Lichtburg, weil es das schönste und größte Kino Deutschlands ist - und weil Helmut Rahn es von oben aus gesehen dann auch nicht so weit zu uns hat.

*Hanno Huth ist Chef der "Senator-Film", die das "Wunder von Bern" produziert hat.

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